Es war einmal… so beginnen sie alle, die Märchen unserer Kindheit; nie habe ich mich gefragt, wieso es nur einmal war. Und jetzt drängt sie mir so aufdringlich auf die Pelle, diese Frage: Wieso es nur einmal war… wieso ein Märchen nicht einfach einmal ist. Meine Gedanken kreisen im wahren Leben in endlosen Bögen um das War und das Wird; wieso kann ein einfaches Märchen nicht einfach mal sein… wieso kann ich selbst im Träumen nicht raus aus dieser Spirale der handlungsunmöglichen Momente von Vergangenheit und Zukunft herausbrechen? Wieso kann ich nicht im Träumen im Jetzt sein?

Ich war ein ganz langsamer Mensch. Schwebend taumelte ich in meiner Fantasie und schrieb Leib und Seele mit schwarzer Tinte auf dünnes Papier. Hochsensibel, wie ich geboren wurde, war das mein Weg, in meinem Meer von Gefühlen nicht unterzugehen. Geschichten, Gedichte, Märchen – es war keine Flucht, nein. Es war ein mutiger Weg, den ich angetreten war. Mutig, weil ich alle Gefühlsregungen in mir einzeln anschaute und sie zu benennen versuchte. Ich gab ihnen die Möglichkeit sich mir zu erklären. Wieso sie da waren, was sie wollten, wann sie wieder gingen. Und irgendwann wurde es zu viel. Das Leben wurde zu viel. Erwartungen, Pflichten, Aufgaben. Ich vergas mich im Urknall des Erwachsenwerdens. Meine Gefühle bekamen keine Stimme mehr. Mein langsames Wesen wurde überrannt. Im Laufe der Jahre stieg der Pegel in mir und heute habe ich das Gefühl, das sich die angestauten Gedanken, Wünsche, Träume, Hoffnungen, Ängste – alle Gefühlsregungen, die sich in so langer Zeit nur ansammeln konnten, dass sie den Damm in mir brechen und mich überschwemmen werden, wenn ich mir nicht endlich Zeit für sie nehme; Zeit für mich; Zeit für das Jetzt. Zeit für das Leben.

Und jetzt sitze ich hier, während die Suppe meines Mitbewohners vor sich hin köchelt und mein Kohlrabi-Tomaten-Auflauf langsam seine schöne Bräune bekommt. Ich sitze hier und kreiere mir eine Welt, in der ich sein kann – nicht war; nicht werde, sondern bin. Ich schaffe mir ein Jetzt. Und wenn dieses Jetzt immer nur ein kurzer Moment ist, so ist es ein Moment mehr, der nur mir gehört. Verstehst du? Wenn ja, dann bleib‘ doch etwas bei mir. Auch wenn es nur für einen kurzen Moment ist, so ist er; und war nicht, und wird nicht. Er ist unser

Jetzt.