„Ethno-Look“

Wenn ich durch Berlin laufe, sehe ich verschiedene Kleidungsstile, Haarschnitte, Frisuren, Typenkonstruktionen. Da ist jemand etwas Gothic unterwegs. Gleich daneben jemand romantisch frech. Da gibt es die, die meinen, auf Mode und Gesellschaft einen Fuck zu geben, doch gleichzeitig bewusst ihre Kleidung danach auswählen. Ich sehe Menschen, die ihr Gesicht als Leinwand nutzen und mit vielen verschiedenen Farben Akzente ihrer Gedanken setzen. Es gibt die natural beauties, die ihr Gesicht höchstens in Bio-Gesichtscreme tauchen und ihre Haare zu einem leichten Knoten binden. Es gibt die, die ihre Anzüge leben und genauso steif, wie sie an ihnen sitzen, laufen. Die, die Statementketten tragen und dicke Boots unter eleganten Kleidern. Es ist ein wenig, wie durch ein Museum zu laufen. Ich liebe jeden Stil. Auch wenn eines keines sein soll. Auch wenn ich mein Gesicht selbst nicht so dekorieren würde oder gewisse Hosen und Blusen nicht anziehen möchte oder manche Kombinationen nicht verstehen kann. Ich finde es schön zu sehen, wie sich Menschen leben. Ihren Körper spüren. Ihm Zeit geben. Auch wenn es jemand ehrlich meint und sagt, Mode interessiere ihn oder sie nicht, zieht er oder sie an, was dem Körper gut tut, worin er oder sie sich gut fühlt.

Wenn ich so durch dieses Museum laufe, werde ich zu einem der Kunstobjekte. Im Gegensatz zu den Weißen Menschen, wird bei mir nach einem Schild Ausschau gehalten. Es wird gehofft,  die brennende Neugier stillen zu können bzw. die Vermutung, die man hat, bestätigt zu sehen. Während der Weiße Mensch lange Kleider, hoch geknöpfte Blusen und Tücher in den Haaren tragen und als mode-bewusst und modern durchgeht, lösen sie bei mir ganz andere Assoziationen aus. Nicht meine „Kunst“ wird gesehen, sondern meine „Wurzeln“. Was ich trage wird nur in Verbindung mit den Farben und Formen meines Körpers gesehen – und das wiederum in Verbindung mit einer „Religion“ und „Kultur“, der ich angehören soll. Ziehe ich lange Kleider an und buttoned-up shirts und trage mal ein Tuch in den Haaren, ist es, weil meine „Religion“ oder „Kultur“ so aussähe. Trage ich gewisse Muster, die dem sogenannten „Ethno-Look“ entsprechen, bin ich authentisch. „Ethno-Look“, seltsam, wie nur eine gewisse Gruppe von Menschen eine „Ethnie“ besitzt. Ein Look in High Waist Jeans mit eingestecktem Shirt, ein Hosenanzug oder ein Dirndl würde wohl niemand als „Ethno-Look“ bezeichnen. Und doch wundert niemanden dieser Begriff. Oder, dass der Weiße Mensch tragen kann, was er will und niemals den Gedanken in einem anderen Menschen wecken wird, dass er oder sie nicht richtig „integriert“ ist, da immer noch „solche Sachen“ angezogen werden. Lange und weite Stücke, sind modische Freiheiten bei Weißen Frauen*. Bei mir ist es Zwang. Tücher in den Haaren ist nur bei Weißen Frauen* in Ordnung. Bei mir ist es Unterdrückung – und wenn nur für einen Tag.

Ich weiß, es fällt schwer zu glauben, aber Mode ist nicht mein Lifestory-Teller, mein „Made In“-Zettel oder „Originally from“-Marker. Sie steht in ihrer kurzen, körperbetonten Form nicht für meine Rebellion gegen bzw. in ihrer weiten, zugeknöpften Form auch nicht für eine Bestätigung einer „konservativen, unterdrückenden Religion und Kultur“. Wenn ich rebelliere, dann gegen die Blicke auf mich. Während ich früher viele Farben nicht tragen wollte und mich in schlichten, unauffälligen als „westlich“ betrachteten „normalen“ Kleidungsstilen (weder zu kurz, noch zu lang) versteckte, trage ich jetzt ALLES – ALLES, was ich will. Nicht nur, weil ich – ja, schwer zu glauben – tatsächlich Mode liebe. Nein. Vielmehr, weil ich zeigen will: Ja! Da hast Du es! Mein Look und ich – wir gehören beide hierher! Denkst Du, ich lasse die Weißen tragen, was sie wollen und dafür gehyped werden?! Nie wieder. Ich trage, was sie auch tragen – ob ich nun als „Nicht-Integriert“, „Konservativ“, „(Rebellierende) Muslima“ oder „authentische Person“ betrachtet werde. Sieh‘ mich nur weiter mit diesen Blicken an. Solange Du sie genau so weiterführst, wird es immer schwer sein, Menschen ohne Vorurteilen oder „Wissen über sie“ entgegenzutreten, diskriminierend, romantisierend, orientalisierend zu sein – das und, Achtung, bei schwachen Nerven bitte aufhören zu lesen, da das Kommende für viele nicht begreiflich ist – ………………………………….rassistisch.

Bittersüß

Nur weil unsere Worte bitter sein mögen, müssen es nicht auch unsere Zungen sein. Vergiss das nicht, wenn Dir jemand sagt, dass Deine Worte diskriminierend oder rassistisch sind. Dein Gegenüber ist nicht sensibel oder überempfindlich, sondern stellt unsere „Normalität“ in Frage. Es geht nicht um bzw. gegen Dich oder Deine subjektive Einstellung. Es geht um Sprache. Sprache, die uns anerzogen wird und die unsere Realität konstruiert; die nicht von uns gesprochen wird, sondern UNS spricht*. Denn Worte kreieren Wahrheit. Falsche Worte, falsche Wahrheiten. Niemand wirft „wie ein Mädchen“, ist hart „wie ein Kerl“, tanzt „wie ein Schwuler“ oder sieht aus „wie eine Lesbe“. Und ja, Freund*inne des Lebens, „den Muslim“ gibt es auch nicht. Worte sind Konstrukte und sie als solche wahrzunehmen ist höllisch unbequem – weniger aber, wenn wir uns klar machen, dass sie von uns zu trennen sind und wir sie dekonstruieren, uns von ihnen lösen können. Distanzieren. Entfernen. Unbequem werden, um frei zu werden und vor allem frei werden ZU LASSEN. Lasst uns uns unsere Zungen versüßen; nicht nur, um einmal einen Moment unsere bitteren Worte zum Schweigen zu bringen. Viel mehr, um unsere persönliche und wahre Süße zu schmecken, sie zu genießen und festzuhalten. Uns an sie zu erinnern, wenn es unbequem wird und auf sie zu vertrauen, wenn es heißt, einfach einmal etwas auszuhalten. Es gibt Menschen, die es sich nicht aussuchen können, da sie täglich fremd konstruiert werden. Aus nicht verstehen (können) kann immer verstehen (wollen) werden. Der erste Schritt ist, sich in seiner Sprache irritieren zu lassen.

*“Die Sprache spricht seine Sprecher“, das sagte einmal ein Mensch, den ich sehr achte und dessen Gedanken mich zu diesem unbequemen, aber befreienden Blickwinkel ermutigten. Falls Du das lesen solltest: Danke für Dich.

2018 – und immer noch 17

Lieber Gerd,

es ist 2018 und seit ungefähr 13 Jahren bin ich 17. Vor 12 Jahren hat es angefangen und da war es noch ganz toll. Älter eingeschätzt wurde ich erwachsener behandelt. Respektvoller. Bis vor 7 Jahren war es auch irgendwie noch in Ordnung, jünger gesehen zu werden. Es war eher witzig, als problematisch. Seit drei Jahren und besonders meinem letzten Geburtstag, finde ich es einfach nur noch unverschämt. 17 Jahre zu sein ist genauso, wie zehn Jahre älter oder jünger zu sein – nicht der Rede wert. Wenn aber Menschen aus dem Alter schließen, wie sie einen behandeln sollen, dann möchte ich doch wirklich endlich älter gesehen werden! Redet nicht mit mir, als sei ich ein Kind – denn auch wenn ich es wäre, verdiene ich ein Gespräch, in dem meine Persönlichkeit sprechen gelassen und dementsprechend behandelt wird. Ich bin nicht „reif für mein Alter“; was das auch immer bedeuten mag! Ich bin erfahrener, als die Menschen denken.

Es ist irgendwie ganz bezeichnend: anstatt so zu reagieren, soll ich mich über den Fakt freuen, jünger geschätzt zu werden. Davon kann ich mir kein Eis kaufen; auch wenn die meisten Menschen denken, dass ich damit besonders gelockt werden könnte. Ich habe keine Angst vor Falten. Oder einer Zahl. Vielleicht sollte einfach aufgehört werden, Menschen jünger zu schätzen, weil sie „so frisch“ aussehen. Wenn ich in zehn Jahren immer noch nicht über der 20er Grenze bin und behandelt werde, wie ein unerfahrenes Baby, höre ich auf zu duschen, ich schwöre.

Ja

Lass mich lachen, wenn du weinst.
Unserer Liebe wegen.
Rennen, wenn du stehst
allein im kalten Regen.

Ich will weinen, wenn du lachst,
Für alles, was wir sind,
Warten, wenn du eilst
Mich sehend tröstend blind.

Singen, wenn du schreist,
Wachen, wenn du schläfst.
Das Gegenteil tun,
von dem, was du mir rätst.

 

Eilmeldung

Auto rast…
Mann schubst…
Polizeieinsatz…

Und sie poppen auf, diese Nachrichten, eine nach der anderen. Bringen mein Herz zum Rasen. Meine Finger eilen über das Touchfeld meines Telefons. Und während meine Finger das Dokument auf und ab scrollen, scannen meine Augen die Informationen nach Hinweisen ab. Bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht, bitte – Schwarz.

Flüchtling.
Islam.
Terror.
Migrationshintergrund.

Ich schließe meine Augen. Atme tief ein. Tief aus. Sammele Kraft, um die Nachrichten nun im Ganzen zu betrachten. Tief in mir höre ich eine Stimme mich verachtend fragen: Wirklich? Das erste, was du wissen willst, ist, ob es einer von >den Anderen< war? Hoffst insgeheim, dass die Bilder im Artikel etwas anderes zeigen? Dass in der Mitte des Artikels das Wort „Unfall“ frech den Leser anspringt?
Traurig, Saide. Du bist traurig.

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