Zum Namenstag

Gott fügt hinzu.
Liebe, Geborgenheit und Vertrauen.
Gott fügt hinzu.
Anerkennung, Respekt und Wertschätzung.
Gott fügt hinzu.
Eine dritte Hand, ein zweiter Blick und ein einzigartiger Sinn.
Gott fügt hinzu.
Wärme, Schutz und Ehrlichkeit.
Gott fügt hinzu.
Ein helles Licht, ein schattiger Platz.
Eine sanfte Brise, ein starker Ruck.
Eine Schulter, ein Spiegel, Rhabarberkuchen.
Gott fügt hinzu.
Josepha.
Gott fügt hinzu.

Ich habe Angst

Ich habe Angst.
Schallt es in meinem Kopf.
Ich habe Angst.
Während der Frühling den Winter in den Schlaf wiegt, jede Stunde des Tages den Nachgeschmack vergeudeter Zeit in sich trägt. Während der Wind ein Portrait des Universums auf meine Haut zeichnet und die Düfte hunderter Welten meine Nase hinauf schweben.
Ich habe Angst.
Während das Leben in seinen feinen und groben Zügen ein Wunder und Geschenk ist, Liebe und Geborgenheit meinen Körper umhüllen. Während keine Sorgen es wert sind Sorgen zu sein und keine
Ängste meine Ängste beängstigen
können.

Sensibel

Ich bin es, wenn ich so sage, was ich sage, sagen andere. Wenn ich auf Dinge reagiere, auf die es nicht zu reagieren gilt, nur weil andere anders reagieren. Sensibel.

Ich bin es, wenn ich denke, was ich denke, denken andere. Wenn ich immer eine Antwort habe, obwohl es keine Frage gab, erklären sie. Sensibel.

Ich bin es.
Sagen andere.
Denken andere.
Erklären andere.
Sensibel.
Sind andere, wenn sie so den Drang verspüren, mir meine Sensibilität abzusprechen. Sensibel.
Lieber wie ich, als sie.
Sage ich.
Denke ich.
Erkläre ich.
Sensibel.

Wenn ich möchte

Ich kann, wenn ich möchte, durch ein Fenster in eine kleine Wohnung blicken. Oft ist es dunkel dort, die Gardinen zugezogen, und keiner scheint zu Hause zu sein. Manchmal aber, oft, wenn alles schläft, zieht sich der dicke Stoff zur Seite und ein Mädchen schaut hinaus. Sie weint. Berührt mit ihrer Stirn die Scheiben, als wolle sie sie kühlen. Sie steht ganz still, aber ich spüre, dass es hinter ihrer Stirn ganz laut ist. Sie bewegt ihre Lippen. Presst sie in einem Moment fest aufeinander, in einem anderen zerkaut sie sie mit ihren Zähnen. Manchmal, da spricht sie. Oder schreit. Schlägt ihre Faust gegen die Scheibe. Mich nimmt sie wohl nicht wahr.

Ich kann, wenn ich möchte, durch ein Fenster in eine kleine Wohnung blicken. Oft ist es dunkel dort, die Gardinen zugezogen, und keiner scheint zu Hause zu sein. Manchmal aber, oft, wenn alles schläft, zieht sich der dicke Stoff zur Seite und ein Mädchen läuft auf und ab. Verlässt das Zimmer, das ich sehe, und betritt es wieder. Steigt auf Stühle und auf Tische. Schüttelt sich. Wirft die Arme in die Höhe, fällt auf ihre Knie, steht genauso schnell wieder auf und horcht. Horcht, ob jemand kommt. Ob jemand sie hört. Mich nimmt sie wohl nicht wahr.

Ich kann, wenn ich möchte, etwas zu ihr hoch rufen. Oft hört sie mich jedoch nicht oder starrt mich verständnislos an. Manchmal aber, oft, wenn sie sehr müde und kraftlos ist, öffnet sie langsam ihr Fenster und streckt mir ihren Kopf entgegen. Ihre Augen sind rot und dunkel umrandet. Ihre Lippen beben. Ihre Augenbrauen sind zusammengezogen. Ich kann ihrem Blick schwer standhalten. Sie schüttelt den Kopf, während ich versuche Worte zu finden. Formt ihren Mund zu einem beschämten Lächeln und tritt weg vom Fenster. Es schließend. Die Gardinen zuziehend. Alles wieder dunkel werden lassend.

Ich kann, wenn ich möchte und obwohl ich so oft nicht will, kann ich nicht anders.

Berlin, 05.02.2018, gegen Mittag

„Zu wem soll ich jetzt? Zu ihr oder ihr?“ – Das ist egal. „Oder zu der Hübschen da hinten rechts?“ – Gehen Sie jetzt einfach vor! „Hallo, ich bin Patient bei Ihnen. Mein Arzt heißt Herr Musterarzt. Kann das sein? Gibt es so einen Arzt bei Ihnen?“ – Ja. Wollen Sie zu ihm? „Nein. Ich habe ein Anliegen. Ich brauche die Medikamente vom letzten Mal wieder. Und dann würde ich gerne die blonde Ärztin nochmal sehen.“

Der Mann lehnt sich über die Theke. Die Frau auf der anderen Seite redet geduldig und ruhig mit ihm. Zwei Frauen, die das Geschehen beobachten, stecken die Köpfe zusammen und kichern. Ich kann nicht hingucken und bin damit beschäftigt, mich im Zaun zu halten. Nicht aufzustehen. Dem Mann nicht meine Meinung zu sagen. Früher hätte ich es bestimmt auch witzig gefunden. Früher. Als es irgendwie okay war, wenn Männer in einem bestimmten Alter auf eine bestimmte Weise geredet haben. Als es irgendwie schmeichelnd war, so viele Komplimente zu bekommen. Früher. Ich bin so froh, dass nicht mehr früher ist. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die das nicht verstehen. Diese „Empfindlichkeit“. Alles sei plötzlich sexuelle Belästigung. Menschen, die sich als Mann definieren, sagen, man solle sich mal nicht so haben. Menschen, die sich als Frauen definieren erklären, solche Behandlungen als Kompliment oder „einfach normal“ zu betrachten. Ich kann nachvollziehen, dass es anstrengend und vor allem nervig ist, wenn man plötzlich auf alles achten muss, was man sagt und tut. Aber denkt man einen Moment länger darüber nach, sollte einem doch klar werden, dass es eigentlich wirklich traurig ist, dass es einen so viel Kraft kostet, respektvoller und vorsichtiger in seinen Äußerungen zu sein. Man(n) nimmt sich die Erlaubnis mit Frau* so umzugehen, wie Man(n) will.
Zwinker, Zwinker. Lippen lecken. Du Hübsche. Du Schöne. Du Wilde. Du Heiße. – Deine Lippen… Deine Haare… Deine Haut. Stopp.
Vielleicht ist es einfacher, wenn man sich vorstellt, man redete mit seiner eigenen Tochter. Bestimmt sagt Man(n) ihr auch, dass sie* schön ist. Aber (hoffentlich) ohne Zwinker Zwinker, Lippen lecken. Du Schöne. Du Wilde. Du Heiße. – Deine Lippen… Deine Haare… Deine Haut.