Frohes Ein-Jähriges, Schnegge und Danke für Euch

Heute haben wir einjähriges, mein Blog und ich; darauf hat mich zumindest WordPress netterweise hingewiesen. Ich bin sprachlos. Mein Atmen stockt. Mein Herz klopft. Nicht vor Aufregung und Freude. Nein. Viel mehr, weil ich mich daran erinnere, wie ich diesen Blog hier gestartet habe. Versunken in meinem Kopf. Ich habe mich gezwungen, mich zu registrieren. Zu schreiben. Zu schreiben. Zu schreiben. Alles aus meinem Kopf heraus zu zerren. Irgendwie hatte ich das Gefühl, so ein Blog ist verbindlich. Auch wenn ihn keiner liest. Er existiert. In den Weiten des Internets. Ein zu Hause für meine Gedanken. Ganz egal, ob Besuch kommt oder nicht. Es könnte ja… ganz unangekündigt… und dann muss alles ordentlich sein. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, einen Ort zu kreieren, in dem Gedachtes geboren werden und leben kann. Ein Ort, den ich betreten und vor allem verlassen kann. So entstand er, mein Blog. Und ich muss sagen… ich bin ganz stolz. Wenn ich jetzt so schaue, was für eine Saide hier tippt. Das schaut doch ganz gut aus 🙂 In dem Sinne:
Frohes Ein-Jähriges, Schnegge.

Ach… und ja… es kümmert mich wirklich herzlich wenig, wie viele Menschen diesen Blog lesen, aber in manch Einen habe ich einen (wenn auch imaginierten) Freund gefunden – meist auch, weil ich andere Gedanken lesen durfte und sie mir stets nahe gehen, mich berühren und ermutigen, diese Welt auch mal schwarz-weiß, aber doch auch in ihren wirklichen, nicht vom Menschen beeinflussten Farben zu sehen. Danke für Euch.

Woher du kommst

Und wieder und wieder und wieder. Er steht vor mir. Woher kommst du. – ich atme tief ein. Lächele. Erzähle von (verweigerter) Zugehörigkeit. Von ständiger Thematisierung meines Aussehens. Aber die Frage ist doch berechtigt. – Warum?! Weil du nicht deutsch aussiehst. Und wieder und wieder und wieder. Er steht vor mir. Woher kommst du. – ich atme tief ein. Lächele. Erzähle von „Deutsch-Sein“. Von ständiger Hinterfragung meiner Person. Aber du bist jetzt sehr philosophisch –Und wieder und wieder und wieder. Er steht vor mir.

Ich bin es müde, verdammte scheiße! Ich bin es müde! Was interessiert es dich, wieso ich so aussehe, wie ich aussehe? Mir ist doch auch egal, wieso deine Augen schwarz, deine Haare rot und deine Haut golden ist! Scheiß egal, ist es mir. Was bringt es dir, zu wissen, wieso ich diese Farben der Welt auf mir trage?! Was?! Erkläre es mir doch bitte! Aus Neugierde fragst du? Willst du mich verarschen? Was bringt es deiner Neugierde zu wissen, „woher ich komme“?! Was?! Ich sage es dir: um mich einordnen zu können. Besser greifen zu können. Dinge über mich „wissen“ zu können. Mich in eine Schublade stecken zu können. Mich besitzen zu können. Und hör mir auf mit Wertschätzung und ich soll doch meine „Besonderheit“ akzeptieren! Was soll das bitte? Bitte! Ja, ich bin anders! Ja! Wie jeder Mensch! Gott-sei-Dank! Wollen wir nicht alle individuell sein?! Ich bin anders, weil ich es sein will und nicht weil ich anders geboren wurde! Was soll das überhaupt heißen?! Anders! Anders! So hätten mich meine Eltern wohl eher nennen sollen. Anders.

Das meine ich doch nicht so! Du interpretierst das alles jetzt in meine simple Frage hinein!

– Achja? Dann stell du dir doch mal die Frage, wieso du diese Frage stellst. Wem du sie stellst. Was du nach einer Antwort machst oder denkst. Welchen Zweck diese Frage hat. Und was es bedeutet, diese Frage gestellt zu bekommen, wieder und wieder und wieder. Frag dich. Bitte frag dich. Und lass mich in Ruhe. Bitte, bitte. Geh einfach wieder dahin, woher du kommst.

TU Berlin, 07.08.17, 12:42 Uhr

Er blickt lächelnd auf sein Handy. Seine Finger gleiten über das Display. Die kleinen Grübchen über seinen Mundwinkeln hüpfen leicht, als er schmunzelnd aufatmet. Er räuspert sich. Sein Blick bleibt auf dem Display. Ich kann seine Augen nicht erkennen, da die Ränder seiner Brille meinen Augen im Wege stehen. Die weichen Züge seines Gesichts erzählen jedoch mehr, als er sich vielleicht bewusst ist. Ob es wohl ein verliebter Blick ist?, frage ich mich. Oder gibt ihm sein Kumpel gerade Tipps, wie er das Mädchen neben ihm, das fleißig die Tasten ihres Macs drückt, nach ihrer Handynummer fragen könnte. Während ich überlege, schaue ich kurz weg. Als mein Blick erneut sein Gesicht trifft, sind die weichen Züge noch weicher, das angedeutete Lächeln ein Grinsen. Er ist glücklich. Wieso auch immer. Er ist glücklich und irgendwie macht es mich das in aller Unbekanntheit auch.

Dann bekomme ich noch 33€

Die Postbotin kommt schnaufend die Treppen hochgestampft und bleibt etwas irritiert vor mir stehen. Das Gesicht hat sie wohl nicht zu dem Namen erwartet, schmunzele ich. Sie reicht mir ein Formular entgegen: „Könnten Sie was für den Nachbarn annehmen?“ Ich schüttele den Kopf: „Das muss ich nicht, das Paket gehört zu uns.“ Sie formt ihr Mund zu einem O. „Dann bekomme ich noch 33€.“ „Ach“, sage ich, und schaue durch den Türrahmen, um dir Bescheid zu geben. „Mutti“ will ich rufen, doch außer „Ach“, kommt nichts heraus. Mein Kopf pocht. Mein Herz tut es ihm gleich. Du schaust mich durch den Türrahmen an, fragend. Ich murmele, dass die Frau noch Geld bekäme und du holst dein Portemonnaie. Schweigend gehe ich zurück in die Wohnung und warte bis du zurückkommst. Ich bin hin und her gerissen zwischen weinen und lachen. Vor der Postbotin musste ich meine Tränen unterdrücken und du wusstest genau wieso. Wir haben uns angeschaut. Ich habe dich angelächelt. Dein Blick wissend. Jetzt warte ich hier. Auf dich. Mutti? Wie um alles in der Welt… Mutti? Verzweifelt lächele ich. Du kommst. Dein Blick wissend. Verzweifelt lächele ich. „Ich wollte „Mutti“ sagen, aber…“, ich verstumme. In meinem Kopf schallt es hinterher: „Dich gibt es ja nicht“ – aber ich habe Angst, dir mit dem Satz wehzutun. Du nickst. Dein Blick wissend. Langsam weite ich meine Arme, dich umarmen wollend und ängstig, nichts als Luft zu spüren. Doch du hältst mich. Fest. So fest. Es fühlt sich so echt an, pocht mein Kopf. Und mein Herz tut es ihm gleich. Es fühlt sich so echt an. Ich will dich nicht loslassen. Danke, danke, danke, pocht mein Kopf. Und mein Herz tut es ihm gleich.
Ich halte dich. So lange es geht.
So fest es geht. Fest. Fest.
So fest.
Bis ich aufwache.

Berlin, 05.08.17

Es ist wichtig, dass man nicht vergisst, wo seine Wurzeln liegen.

Sie lächelt. Ihre grauen Haaren liegen sanft auf ihren Wangen. Sie schaut ihren jungen Begleiter mit wachen Augen an. Ich bilde mir ein, dass ich sie auf diese Gedanken gebracht habe. Kurz, bevor sie sie in Worte kleidete, hatte sie mich angeschaut. Wahrscheinlich bilde ich es mir ein, murmele ich und denke über ihren Satz nach. Es ist wichtig, dass man nicht vergisst, wo seine Wurzeln liegen… was, wenn man nie erfährt, wo sie vergraben sind? Wenn der Baum schon so alt ist, dass man von der Krone runterblickend nicht mehr den Boden erkennen kann. Und selbst, wenn man ihn sieht, sind die Wurzeln tief vergraben. Unter der Erde. Unsichtbar. Und dennoch weiß jeder, der den Baum erblickt, dass er welche hat – Wurzeln. „Berlin, 05.08.17“ weiterlesen

Irgendwann, geliebter Freund, irgendwann

Irgendwann, da werde ich vor dir stehen. Ich werde dir in die Augen sehen, meine Stirn in Falten legen, während ich vielleicht Tränen unterdrücken werde. Meine Lippen werden beben, wenn ich dir von Wut erzähle und Sehnsucht. Meine Arme werden ruhig an mir herunter hängen, die Hände vielleicht zu Fäusten geballt. Irgendwann, da werde ich mutig genug sein, dir zu erzählen, dass ich bin, wie ich bin, auch wenn du mir nicht glaubst, ich zu sein. Ich werde dich zurechtweisen, wenn du mich unterbrichst und vielleicht werde ich schreien. Irgendwann, da werde ich zugeben, dass ich zu viel von dir und zu wenig von mir gehalten habe. Ich werde dir erklären, dass das gut ging, weil du alles daran gesetzt hast, mich klein und niedlich zu halten. Ich werde dir von deiner Gewalt erzählen und vielleicht werde ich lachen. Darüber, wie ich dich trotz allem in stillen Momenten gerne in meiner Nähe gehabt hätte. Nicht als Geliebter. Nicht als Lebenspartner. Nein. Als Freund. Es ist nicht schwierig, dich nicht mehr als Geliebten zu lieben, weil wir uns in unserer Liebe zerstört haben. Es ist schwierig, dich nicht mehr als Freund zu lieben, weil unsere Freundschaft stärker war, als jede Liebe, die ich kannte. Dass der Mensch, der mein Geliebter war, nicht mehr da ist, macht mich nicht einsam. Das, was mich einsam macht, ist, dass mit ihm auch der Mensch, der mein bester Freund war, gegangen ist. Irgendwann, da werde ich vor dir stehen. Ich werde dir in die Augen sehen, meine Stirn in Falten legen, während ich vielleicht Tränen unterdrücken werde. Meine Lippen werden beben, wenn ich dir von Wut erzähle und Sehnsucht. Irgendwann. Hörst du? Irgendwann.

Du, ja du

Manchmal liege ich ganz still. Die Hände flach auf meinem Bauch. Mein Blick geht starr ins Leere. Meine Gedanken Hall und Rauch.

Manchmal atme ich ganz ruhig. Mein Brustkorb hebt sich leicht. Die kalte Luft füllt meine Lungen. So viel’s zum Leben reicht.

Manchmal denke ich an dich. Wie du mir sagst, zu liegen. Deine Hände auf meinen Bauch. Mein Geist bereit zu fliegen.

Manchmal rieche ich dich. Im Liegen, beim Atmen und Leben. Hör’ deine Stimme, diesen Klang, warm meine Stimmung heben.

Und manchmal ist es dieser Duft, der mich so schlimm zerfrisst, weil er mir sagt, dass du, ja du, ja doch im Himmel bist.