Wer bin ich, Zarah, wer bin ich?

„Nala! Warte doch! Nala!“, Quassel stolperte tollpatschig über einen großen Steinpilz und versuchte sich in letzter Sekunde noch an etwas festzuhalten – bumm – da lag das kleine Wesen auf dem Boden; die Arme fest um den eigenen Körper geschlungen. Nala lachte. „Das ist nicht dein Ernst, Quassel! Hast du wirklich versucht dich an dir selbst festzuhalten?“ Hu, der Waldgeist, hatte das Schauspiel beobachtet und flog elegant auf Quassel zu, um ihm mit einem kleinen Luftzug auf die Beine zu helfen. „Hör doch auf zu lachen, Nala! Ich hätte doch nicht wissen können, dass ich mich nicht halten kann!“ Nala quietschte vor Lachen. „Jetzt hör endlich auf!“, wimmerte das tollpatschige Wesen undverschränkte trotzig die Arme. Seine Freundin streichelte ihm entschuldigend über seinen großen Kopf und stupste ihn sanft an die Knollnase. „Sei nicht böse. Bitte, Qasseli…“ Quassel konnte nicht böse sein. Nicht auf Nala. Er klopfte sich den Staub von seiner roten Blütenhose. „Wieso bist du plötzlich weggerannt? Was hat sie gesagt?“ Hu hatte es sich leise in einer nahestehende Eiche bequem gemacht und hörte den beiden Freunden zu. Nala setzte sich auf die bunt gefärbten Blätter auf der Erde und spielte mit ihren Händen. „Sie weiß es nicht“, flüsterte sie fast unhörbar und wippte ihren Körper sanft hin und her. Quassel sprang auf und schüttelte sich. „Wuuu..aaa….uuuu… Waaaa…. Nala! Nala! Sie weiß es nicht? Sie  w  e  i  ß   es nicht?“ Das kleine Wesen wirbelte um die eigene Achse, verlor das Gleichgewicht, versuchte sich an etwas festzuhalten und landete wieder auf dem Boden – die Arme fest um den eigenen Körper geschlungen. „Sie weiß es nicht…“, diesmal bewegte Nala nur die Lippen. Tränen verirrten sich auf ihrer zarten Haut. „Nein, Nala! Das kann nicht sein! Nala…. Nala! Hör doch! Du musst etwas missverstanden haben! Nala! Das ist Zarah… Zarah! Sie weiß alles!“ Ein Gedanke nach dem anderen flog in Nala‘s Kopf hin und her – so viele Fragen, so viel zu verstehen; nichts Greifbares. Wie eine Schneeflocke glitt sie durch die Luft. Wieso war es so schwer zu vertrauen? Quassel murmelte unverständlich vor sich hin, schüttelte immer wieder den Kopf und blieb plötzlich wie versteinert stehen. „Und jetzt?“ Und jetzt? Und jetzt. Jetzt ist jetzt. Dann ist dann. Da ist da und dort ist dort. Sie ist sie. Er ist er. Quassel ist Quassel. Hu ist Hu. Ich bin ich und du bist du. Und jetzt? Nala. Nala ist wer? Nala ist wer?
Nala.
Nala.
Wer bist du, Nala?

Wer bin ich, Zarah? Bitte, sag es mir. Wer bin ich?
Ich weiß es nicht, Nala.
Du weißt es nicht?
Ich weiß es nicht, Nala.
Sie weiß es nicht.

„Ich weiß es nicht.“
Quassel streichelte ungeschickt Nala‘s Haare. „Lass mich alleine, Quassel. Bitte. Lass mich alleine.“
Und er verschwand.
Und sie blieb.
Und er war fort.
Und sie…
Sie weinte.
Hu flog auf Nala zu und setzte sich zu ihrem Geist. „Sie weiß es also nicht“, hauchte er. Nala atmete tief ein und aus… „Hu… wenn sie es nicht weiß und ich es nicht weiß, bin ich dann oder bin ich nicht?“
„Sie kann es nicht wissen, Nala.“
„Sie kann es nicht wissen? Sie weiß alles, Hu!“
„Sie weiß, was ist.“
„Dann bin ich nicht.“
„Nala… Sie weiß, was ist. Es ist, was fliegt. Es fliegt, was erkennt. Es erkennt, was spricht. Sie spricht noch nicht.“
„Wer spricht noch nicht?“
„Deine Seele spricht noch nicht.“
Hu streichelte das verirrte Wesen und hauchte ihm Geduld zu. „Sie muss erst sprechen, Nala… Dann wirst du erkennen. Und hast du erst erkannt, dann wird sie fliegen. Sobald sie fliegt, wirst du sein.“
Nala schloss die Augen. In ihr saß tiefer, unergründlich erscheinender Schmerz.

Tiefste Trauer ganz tief in mir.
Was kann ich nur tun, wenn sie weint? Wenn sie weint und mir nicht sagt, wieso.
Was kann ich nur tun, wenn sie weint? Wenn sie weint und mich nicht verstehen lässt.
Tiefste Trauer ganz tief in mir.
Was kann ich nur tun, wenn sie weint? Wenn sie weint, meine müde Seele.
Wenn sie weint.

Der Mond stieg auf. Hu nahm Nala’s Geist in die Arme und wippte ihn in den Schlaf. „Sie wird zu dir sprechen, Nala. Vertraue.“
Sie schlief ein. Hu blickte zum Mond, grüßte ihn mit einem leichten Lufthauch und seufzte tief.

Wenn ich meine Augen schließe und mein Körper schläft, spricht meine Seele zu mir. Gute Nacht.

 

 

 

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4 Kommentare zu „Wer bin ich, Zarah, wer bin ich?

    1. Niedlich. Kaninchen. Ratter, ratter, ratter, rattert der Kopf und so wild ich auch mit den Armen fuchtele, das große Fragezeichen vor meinen Augen will nicht verschwinden. Lost in your words. Sollte ich es Alice gleich tun und dem Kaninchen folgen?

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      1. Ich mag elegant geschwungene Fragezeichen im selben Maß wie deine Irritation.
        Gönne mir das.

        Ich hoffe aufrichtig dir geht es gut…

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