Fernweh-Geweckt

Nach dem Abitur war ich in Indien und wollte unbedingt Tagebuch schreiben, um ja nichts zu vergessen. Es fiel mir so schwer. Alleine der Anfang: Liebes Tagebuch. Es kam mir so lächerlich vor. Da beschloss ich kurzerhand meinem Tagebuch einen Namen zu geben: Gerd. Und plötzlich tauchte diese Mauer, die sich bei jedem Stiftansetzen hochgezogen hatte, nicht mehr auf. Mein Buch wurde zu einer fiktiven Person, einem Freund, dem ich von meinen Begegnungen erzählen konnte. Es ist so seltsam was der Kopf mit einem macht und noch viel seltsamer mit welchen Tricks man ihn überlisten kann.

 

Lieber Gerd,

weißt du noch, als Sarah und ich mit einem Taxi zu den Räumlichkeiten, in denen die Seminare stattfanden, fuhren? Es war mitten in der Nacht. Wir waren sehr erschöpft, hatten wir doch eine zweitätige Zugfahrt hinter uns. Dichter Nebel legte sich auf das Fahrzeug und der Fahrer fuhr in einem uns ungewohnten gemächlichen Tempo. Wir sprachen nicht. Blickten verträumt müde aus dem Fenster. Weißt du noch, ob Sarah neben mir saß? Oder saß sie vorne auf dem Beifahrersitz? Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nur noch, dass wir irgendwann plötzlich anhielten und irritiert den Fahrer anschauten, der seinen Blick nicht von der Straße abwandte und mit einer ruhigen, fast schon gelangweilten Stimme ‚Elephants’ sagte. Ich folgte seinem Blick und mein Herz blieb für einige Sekunden stehen. Wenige Meter vor uns überquerte eine Elefantenfamilie die Straße. Zwei große und zwischen ihnen ein kleiner. Der Nebel umschlang ihre Körper und wäre das Fernlicht nicht gewesen, hätten wir sie wohl übersehen. Ich kann mich gut erinnern, wie sprachlos ich war. Mein Kopf war leer. Kein Gedanke konnte sich Gehör verschaffen. In stiller Überwältigung schauten wir den Elefanten hinterher. Kein Wunsch, die Kamera zu zücken und diesen unfassbaren Moment auf ewig in ein Bild zu sperren. Kein Verlangen, in einem Video unsere entsetzt begeisterten Gesichter und die Wildnis festzuhalten. Nichts außer Ruhe. Fassungslosigkeit und Liebe. Wenn ich so zurückdenke, war das eines der seltenen Momente, in denen ich im Hier und Jetzt war. Versetze ich mich in diese Situation zurück, so verspüre ich tiefe Sehnsucht nach diesem Moment der kurzen Ewigkeit. Was würde ich dafür geben, wieder aus all meinen Gedanken, Wünschen, Hoffnungen gerissen und in den Sog geborgener Ruhe gezogen zu werden… was würde ich dafür geben, wieder einen einzigen Moment einzig ehrlich auskosten zu können. Und während ich diesem Wunsch so viel Aufmerksamkeit schenke, bemerke ich, dass es im Leben nicht darum geht auf spektakuläre Ereignisse, die einem dem Atem rauben, zu warten, sondern  in jedem Moment seines Lebens Elefanten zu sehen.

11 Kommentare zu „Fernweh-Geweckt

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