Gebunden

Lieber Gerd,

seit vorgestern bin ich in Karlsruhe und es kommt mir vor, als wäre ich einmal durch die Gezeiten gereist. In Berlin haben die nassen, grauen Oktobertage begonnen und ohne Regenschirm, wasserfesten Schuhen und dickem Wollschal macht das aus dem Haus Gehen wirklich keine Freude. Hier im Süden ist der Herbst wie aus dem Bilderbuch entsprungen. Es ist frisch – eine Kühle, die dich lebendig macht-, der Himmel ist blau, und der Tag ist hell. Draußen lädt zum Spazierengehen ein und Saide sagt mit Freuden zu.

Während ich durch die verschlafenen Seitenstraßen flanierte, bemerkte ich, dass sich die Schnürsenkel meines rechten Schuhes gelockert hatten. Ich weiß nicht woran es liegt, ob es Faulheit oder Bequemlichkeit ist, aber ich mag es nicht stehenbleiben und die Schnürsenkel von Neuem zusammenbinden zu müssen. Also machte ich das, was ich immer mache: ich lief weiter, aber passte meinen Gang den Bedingungen an. Erst änderte ich meinen Rhythmus und lief einfach nur langsamer. Dann trat ich anders als gewohnt mit dem rechten Fuß auf und rollte ihn gar nicht mehr ab. Später begann ich halb zu humpeln. Ich versuchte alles, um nicht stehenbleiben zu müssen. Es nervte mich gewaltig. Ich konnte mich gar nicht mehr auf den Gastgeber Draußen einlassen und war mit meinen Gedanken nur noch bei meinen Schuhen. Die Schlaufen meiner Schnürsenkel wurden immer kleiner und ich begann meinen Fuß bei jedem Schritt stark zu wackeln, sodass ich sicherstellen konnte, dass die Schnürsenkel nicht unter meine Sohle geraten konnten und ich stolpere und hinfalle. Ich blendete alles um mich herum aus. Es gab keine Bäume, keine bunten Herbstblätter, keinen kühlen Wind, keinen Weg. Es gab nur mich, meinen verkrampften Präventationsgang und diese Schnürsenkel. Ich lasse mich nicht stoppen, dachte ich, ich schaffe es ohne stehenzubleiben! Und plötzlich blieb ich stehen.

Kennst du das? Solche Momente, in denen du plötzlich merkst, wie lächerlich du dich verhältst? Anstatt eine Minute anzuhalten, meine Schnürsenkel fest zusammenzubinden und unbeschwert weiterzugehen, gehe ich in diesen unsinnigen Wettkampf mit meinen Schuhen, verliere meinen Blick für die Welt und laufe Gefahr richtig hart auf die Fresse zu fliegen.

Das Leben hält unzählige Paar Schuhe für den Menschen bereit. Wir suchen uns die passenden aus und laufen in ihnen – durch Berg und Tal. Manchmal passen sie so gut, dass wir sie bis zum Auseinanderfallen tragen möchten und können. Ein anderes Mal müssen wir sie wechseln, weil sie unbequem werden oder wir aus ihnen herauswachsen. Es kann auch passieren, dass sich die Schnürsenkel lockern… egal, was von diesen Dingen eintrifft: man muss sich die Zeit für seine Füße nehmen, möchte man Zeit sparen… Zeit und Lebensqualität. Und manchmal, ja manchmal muss man die Schuhe ausziehen, damit man die Füße besser auseinander bekommt.

 

 

pics by pixabay.com

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