Früh, spät – Irgendetwas dazwischen

Die Kälte umhüllt meinen müden Körper wie ein warmer Wintermantel. Es ist fünf Uhr – früh, nachts – irgendetwas dazwischen. Ich stehe an der Bushaltestelle, beobachte, wie die letzten Gäste der Table Dance Bar in die kleinen Taxen steigen, die sich vor dem dunklen Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgereiht haben. „Sollen wir Euch mitnehmen? Wir fahren nach Kreuzberg!“, ruft einer der Gestalten den Mädchen, die mit mir auf den Bus warten, und mir entgegen. Ich blicke der abfahrenden gelben Kutsche hinterher. Es ist viel los, denke ich. Obwohl es so früh ist – so spät – irgendetwas dazwischen. Der pechschwarze Himmel leuchtet in meine Gedanken und verlässt mich auch nicht, als ich in den Bus steige. Gemurmel. Gelächter. Meine Sinne sind vor lauter Müdigkeit geschärft und dennoch fühle ich mich wie in Trance. Meine Augen saugen alles auf, was sie sehen. Oh, es gibt so viel zu sehen. Lichter, die die Dunkelheit nicht einfangen kann. Seltsame Gestalten, die meinen Blicken standhalten. Alles ist groß da draußen, denke ich, und steige aus. Hauptbahnhof. Das gläserne Gebäude, das sich vor mir auftürmt, löst etwas in mir aus, das ich sonst nur auf Flughäfen empfinde. Ich blicke hoch und sehe, wie Züge durch das Glashaus fahren. Finde nur ich diesen Anblick so seltsam unnatürlich?

Ich laufe durch die Gänge des Bahnhofs und beobachte die müden Menschen, die auf ihre Züge warten. Mit dunklen Schatten unter halb geschlossenen Augen essen sie Stullen, Brezeln, Äpfel und trinken schwarzen Kaffee. Ich laufe eine Runde. Das Gefühl von ruhiger Sehnsucht wärmt mich. Eine Zigarette, denke ich, gehe raus und rauche. Während meine Lippen den giftigen Stängel berühren, schließe sich meine Augen und ich ziehe den Qualm tief in mich hinein. Ich bin hier. Einfach nur hier. War ich vor Kurzem doch noch so weit weg. Weit weg von hier. Weit weg von mir. Wie viel kann sich verändern in so kurzer Zeit? Es ist, wie als hätte mich jemand gepackt und in einen Flieger gesteckt, der mich tausend Lichtjahre entfernt wieder ausgespuckt hat. Niemand da, den ich kenne. Kein Ort, den ich jemals zu Hause nennen wollte. Jetlag. Im Unbekannten lerne ich mich neu kennen. Re-definiere mich und mein Leben. Gehe in der Tiefe dieser Stadt unter – tauche so lange bis meine Lungen nach Luft schreien. Und wenn ich zurück an die Wasseroberfläche schwimme, blicke ich orientierungslos um mich herum – fühle mich geborgen in an all dieser Ohnmacht. Hole tief Luft und lasse mich erneut in die Tiefen ziehen.

Ich drücke die Zigarette aus. Bin wackelig auf den Beinen. Nikotinflash. Ich liebe ihn. Grund genug, nie zu viel zu rauchen – immer so selten, dass ich diesen Effekt nicht verliere. Er tut mir gut. Lullt mich ein. Macht mich weich. Inspiriert mich. Rauchen kann tödlich sein, denke ich. Wie gut, dass mich das nicht juckt. Ich steige in den Bus, der mich nach Hause fahren soll. Laufen wäre schön, denke ich. Zu dunkel, weiß ich. Zu dunkel, um entspannt zu sein. Stress passt jetzt nicht in diesen Rahmen, den ich mir gezimmert habe. Und bevor ich weiterdenken kann, stehe ich vor meiner Haustür, blicke noch einmal in die tiefe Dunkelheit. Es ist sechs Uhr – früh, nachts – irgendetwas dazwischen. Ich nicke. Lächele in mich hinein. Öffne die Tür. Ein letzter Blick ins helle Schwarz. Ein letzter Gruß.
Berlin, du machst so viel mit mir.

 

pics by pixabay.com

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