Hayat – Die von Aladin

Das ist doch nicht böse gemeint, sagst du, und rollst die Augen. Ich bin still. Du wirst es ja doch nicht verstehen. Ich kann so Momente nicht leiden. Momente, in denen ich einfach Recht habe und jeder, der das weiß, sieht, wie naiv du bist, niemand außer mir aber da ist, der das verstehen könnte und ich somit als die Naive dastehe. Die Naive, die Sensible, die Interkulturalität-und-Welt-und-Irgendwie-So-Etwas-in-der-Art-Studentin-mit-Migrationshinter…, hups, nein, ich meine -Geschichte- mit MigrationsGESCHICHTE.

Du belächelst mich und tätschelst meine Schulter. Im Ernst, Saide, Leute denken nicht so weit. Sie fragen Dinge, die sie interessieren, nicht weil sie dich denunzieren möchten. Damit erkennen sie dich an, zeigen, dass du besonders bist und sie das schätzen.

-Sie das schätzen? Was denn? Meine Haare und Hautfarbe? Oder, dass ich mit meinem ganzen Aussehen hier lebe? Bemerkenswert, ja, bemerkenswert, dass ich das tue. Und ich sage dir, die Entscheidung fiel mir gar nicht einmal schwer. Ich kam aus meiner Mutter heraus, dachte, so, jetzt schauen wir uns mal die Leitkultur an und lernen erst einmal Deutsch.

Und wenn ich nicht besonders sein möchte? Ich sehe weder tote Menschen, noch kann ich die Zeit anhalten oder Gedanken lesen. Ich bin Saide. Nicht Seide, sondern Saide, einfach nur Saide. Ich bin genauso besonders, wie jeder stinknormale Hintergrundlose, hups, nein, ich meine GESCHICHTSlose auch. Ob dir das wohl gefallen würde, frage ich mich, wenn ich dich GESCHICHTSlos nennen würde. Du würdest es wohl wieder nicht verstehen.

Ich fühle mich, wie ein Buch, das hunderte Menschen Tag für Tag in die Hand nehmen und nur beim Anblick auf das Cover schon meinen zu wissen, was auf den Seiten stehen wird. Ich fühle mich wie jemand, der aus dem Koma erwacht ist, sich an nichts mehr erinnern kann und deswegen von anderen gesagt bekommt, was in den letzten Jahren so passiert ist, woher meine Eltern kommen, was meine Religion ist und dass ich gewisse Macken haben, weil ich aufgrund meines antidemokratischen, patriarchalischen und frauenunterdrückenden Kontextes kulturell geschädigt wurde. Aber ich bleibe besonders. Ja. Denn trotz dieser Dinge, habe ich deutsch gelernt, habe mein Abitur geschafft und kann ohne Probleme eine Tasse Kaffee bestellen. Ich bin besonders, weil ich mich aus den Fängen meiner MigrationsGESCHICHTE gerissen und die wichtigen Grundwerte Deutschlands angenommen habe. Das muss schwer gewesen sein. Ich bin besonders, weil ich hier bin, mit meinen Haaren und meiner Hautfarbe. Mit meinem Namen. So nett, klingt er, wie Seide. Seidige Saide. Viel schöner als Hatice oder Fatma. Die kommen nicht so gut an. Saide, aus 1001 Nacht. –Ja, denke ich, erzählt mir doch noch mehr davon. Die 1002te Geschichte über mich. Immer weiter. Immer weiter. Damit ich niemals die Möglichkeit bekomme meine eigene Geschichte zu schreiben und weiter über die von euch für mich erschaffene seidige Lebensbrücke gehe, die je nachdem, was der Islam heute so macht, mal stärker und mal schwächer über dem Abgrund Deutschlands hin und her schwankt. Wie eine Seiltänzerin balanciere ich auf euren Blicken – wie eine besondere Seiltänzerin, so besonders… –  wie dieser Name. Dieser Name… ach, Saide, seidige Saide.
Saide…
Saide…
-Hey, hörst du mir zu?, fragst du und lachst, wenn du so schaust, siehst du aus wie die von Aladin.

4 Kommentare zu „Hayat – Die von Aladin

  1. Das tue ich, nur ist die Frage, wer sie wahrnimmt; aber das ist wohl mit jeder Lebensgeschichte so; „Migrationshintergrund“ hin oder her. Umso mehr bedeutet es mir, wenn ich Menschen begegne, die mich sehen, als das, was ich bin, und nicht das, wonach ich ihrer Meinung nach aussehe. Genauso habe ich die Anforderung an mich selbst, jeden selbst erzählen zu lassen, wer er ist und was ihn ausmacht. Danke, dass Du dir Zeit für meine Gedanken genommen hast!

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    1. ich habe zwar in meiner familie zumindest in den letzten 100 jahren keinen migrationshintergrund, bin aber als kind mit den rabenschwarzen haaren meiner oma geboren worden. die beziehung war schwierig und das hat einfach durch mein aussehen mein leben und die beziehug zu meiner mama extrem beeinflusst. ich wurde von meiner wichtigsten bezugsperson nach meinem äußeren beurteilt und alle verhassten charaktereigenschaften meiner oma mussten daher auch in mir stecken. irgendwie das gegnteil von deiner geschichte, oder? die umwelt hatte kein problem mit mir.

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      1. Der Gedanke, dass sich eine Mutter gegen sein Kind stellt, tut verdammt weh. Menschen können wirklich verstörend sein. Aber genauso auch so wohltuend – lass‘ uns uns auf genau diese Art von Menschen konzentrieren 🙂

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  2. Salem aleikum Grüß Gott Saide

    Welchen Gott ich meine
    „Aus dem Koma erwacht“
    Keinen Jahwe Adonei Elohim der Juden
    Des Alten Testamentes
    Und der Staatskirchen

    Jenes Göttliche das bismillah
    Allerbarmend ist
    Jene Mütterliche Göttin
    Jene väterliche Gottheit
    Deren Kind wir alle sind

    Frei von Strafe Rache Höllenqual

    Drei Inszenierungen von

    „Nathan der Weiße“

    Musste durfte ich erleben
    Bis mir hier in München im „Volkstheater“

    Eine Multikultiinszenierung das innere Herzensauge öffnete

    Gotthold welch ein Vorname
    Wie Deiner o Glückliche Said
    Jener Jude Gotthold Ephraim Lessing
    Bekam die „Ringparabel“ inspiriert zu schreiben
    Heute aktueller denn je
    Die Spielzeit des Stückes wurde drei Mal verlängert
    Meist ausverkauft
    Nobles gereifteres Puplikum

    Ich bin aus der Katholischen Kirche ausgetreten
    Bekomme das Wasser in die Augen
    Wenn der Sänger
    Die Sängerin?
    Das Gebet von dem Minarett herab singt
    Ach und weh

    Wie ergeht es einer orientalischen Seele in einem Deutschen Körper
    Michael ist der Volksgeist der Deutschen
    Gabriel der Quell des Koran

    Auf meinem linken Oberarm steht in grüner
    Arabischer Schrift Joshua im Islam nur ein Prophet

    Sicher ein Mensch der bedingungslos liebte
    Was Ihn als Staatsfeind und Ketzer auf die Todesliste brachte

    Aladin heute von dem Geist aus der Lampe befragt
    Antwortet Ihm was er wolle
    Lieben nur das

    So sei es
    Amen
    shukran

    Danke Dir
    Die Schuhsohle Gottes

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