Hayat – Kartoffelsalat oder Platzangst

Es gibt solche und solche, sagst du, reißt deine großen Augen auf, die trotz ihrer enormen Größe nicht von deinen vor Empörung bebenden Lippen ablenken können. Es kommen welche hier her, die Null Dankbarkeit zeigen! Da wird denen schon geholfen und die meckern trotzdem. Es gibt welche, die sind gerade einmal ein paar Tage hier und beschweren sich, fragen wo ihr Geld ist, fordern, dass man ihnen endlich hilft. Als würde das so schnell gehen. Die denken, es wird ihnen direkt geholfen, wenn die hier sind. Voll dreist. Musst dir mal vorstellen: die ganzen Sporthallen und Vereinshäuser werden von denen besetzt und die meckern rum, wenn sie halt mal zusammenrücken müssen und Männer und Frauen zusammen in Zimmern schlafen müssen. Es sind halt zu viele. Wir haben halt keinen Platz.

– Wir haben halt keinen Platz. Ja, wahrscheinlich kommt es einem so vor, wenn es im eigenen Stübchen da oben hinter den Augen so eng ist, denke ich. Ich kann erzählen, was ich möchte: Fake Nachrichten, Fertigstellung von etlichen neuen Wohnhäusern, die aber nicht bezogen werden können, weil es Streitigkeiten um Bezahlungen gibt. Dass das Geflüchtete sind – geflüchtet vor Grausamkeit; zum Teil hochgradig paralysiert. Klar, sagst du, ich denke auch immer: Man, die haben viel durchgemacht, aber nur deswegen dürfen die sich nicht alles erlauben. Sie dürfen fordern, sage ich. Das ist ihr Recht. Sie sind keine Bettler. Es gibt nicht genug, wiederholst du, es gibt nicht genug. Und selbst wenn, muss man ja wohl etwas mehr Dankbarkeit zeigen. Und Bereitschaft sich zu verändern. Ich meine die sind hier her gekommen; die müssen unsere Werte annehmen. Aber voll viele wollen sich gar nicht integrieren. Ich nicke. Ja, das stimmt. Ich gehöre auch zu diesen ‚Vielen’. Denn spitzt man in der Bahn mal seine Ohren, wandert ein bisschen durch die Welt der Social Media und spricht etwas mit Freunden, da erkennt man schnell die Werte der sich deutsch nennenden: Rassistisch, diskriminierend, frauenfeindlich, anti-semitisch, anti-muslimisch, anti-Globalisierung, anti-EU, anti;

‚Deutsch’ ist anti.

– Nun ja, das stimmt nicht. Die ‚Deutschen’ sind auch für gewisse Dinge: mehr Abschiebungen, mehr Kontrollen, strengere Flüchtlingsregelungen, weniger Ausländer, keine Kopftücher, Fortführen des monolingualen Habitus’, kein Islam, mehr deutsche Leitkultur. – Kartoffel, denke ich. Kartoffel, nennen manche die ‚Deutschen’. Wie passend, denke ich. Wie passend. Unter der Erde im Dunkeln abgeschirmt von allen Bewegungen auf der Welt, fern von Sonnenlicht und frischer Luft (Luft, die so wichtig ist, um einen klaren Kopf zu bekommen), eine ganz dünne Schale. So sind sie, die ‚Deutschen’, die sich nach mehr deutsch-Sein sehnen. Denen dieses ganze ‚Multikulti’ auf die Wurzel schlägt. Die Ruhe möchten, Sicherheit und einen geregelten Rahmen, in dem sie sich sorgenfrei bewegen können. Die sich auf der einen Seite nach Freiheit und Mobilität sehnen, sich auf der anderen Seite, so verloren, klein und ungesehen in der grenzenlos erscheinenden Welt fühlen.

Alles hat seine Berechtigung. Jede Sorge. Jede Angst. Wie gefährlich es sein kann, diese Gefühle nicht ernst zu nehmen bzw. ihnen auf den Grund zu gehen, zeigt sich immer deutlicher: Sündenböcke werden gesucht, wie sie schon immer in der Geschichte der Menschheit gesucht wurden. Und beobachtend stehe ich mittendrin und weiß nicht recht, was ich tun soll. Es scheint ja so einfach: Menschen aufklären, mit Menschen reden, ihnen zeigen, dass man sie ernst nimmt, ihnen erklären, dass ihre Unzufriedenheit andere Gründe hat, als ihnen von rechter Seite gesagt wird.

Wir leben in einem System, das klassifiziert, machthierarchisch aufgebaut ist und sich von der Schaffung des ‚Anderen’ ernährt. Aber das ist so viel Denken. So negativ. So unbequem. Und auch irgendwie so links. Das stellt die Mehrheit als rassistisch und diskriminierend dar und wer will das schon sein?

In Kindesalter wurden wir in dieses System sozialisiert, sodass uns diese ganzen Muster des Rassismus’ und der Diskriminierung gar nicht auffallen. Die Sozialisierung funktioniert so gut, dass sogar die, die vom System als ‚anders’ wahrgenommen werden, von ihm erfasst werden und sich der Diskriminierungspraxis anschließen. So wie du, denke ich. Manchmal gehst du mit einer Geflüchteten zum Arzt und hilfst bei der Kommunikation, da du von Haus aus arabisch sprichst. Du kennst die Sprache der geflüchteten Bekannten, fühlst dich ihr aufgrund derselben Religion verbunden. Vielleicht auch, weil auch deine Familie irgendwann einmal entschied, nach Deutschland zu kommen. Aus welchen Gründen auch immer. Du fühlst dich verantwortlich. Für die Geflüchtete. Für Deutschland. Beiden willst du helfen. Ihr beim Zurechtkommen, Deutschland bei der Erziehung der ‚Anderen’. Vielleicht bist du ja eines dieser Beispiele für ‚gelungene Integration’. Viel wird dir das nicht nutzen, wenn die Stimmen, die nach deutscher Leitkultur rufen, lauter und lauter werden und nicht mehr erstickt werden können. Wo führt uns das alles hin? – Tief in mir drin höre ich eine Stimme flüstern: bitte nicht zu den Kartoffeln. Ich habe Angst im Dunkeln.

pics by pixabay.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s