Alles für die Liebe

Sie konnte nie verstehen, wie Menschen Menschen lieben konnten, die ihnen weh taten. Kopfschüttelnd ging sie durch ihre Welt, Hand in Hand mit einem Menschen, der ihr alles bedeutete. Wenn doch nur alle das hätten, was sie hatte, dachte sie. Ehrliche Liebe. Ohne Geheimnisse. Ohne Lügen. Nur Wahrheit. All ihre Sorgen teilte dieser Mensch. All ihre Ängste konnte er verstehen. Und ja, sogar all ihre Selbstzweifel und –Kritik konnte er nachvollziehen. Endlich war da jemand, der ihr nicht Selbsthass vorwarf, sondern die Gründe für ihre negativen Gefühle sah und sie in dem Gedanken unterstützte, dass sie etwas unternehmen müsse. Es tat gut. Diese Ehrlichkeit. Sie arbeitete härter an sich, als sonst. Wollte sie doch endlich zu der Sorte Mensch werden, für die sie eigentlich prädestiniert war zu sein. Sie kämpfte. Jetzt, wo sie nicht mehr der einzige Richter ihrer Taten war, hatten diese Dinge, die es zu verändern gab, einen viel größeren Stellenwert in ihrem Leben. Sie konnte nicht nur sich selbst enttäuschen, sondern auch diesen einen Menschen, den sie so liebte. Und der sie so liebte, dass er auch ihre Veränderung wünschte.
Alles für die Liebe.
Dieser Mensch liebte sie so sehr, dass er ihren Wandel so schnell es ging vorantreiben wollte. Denn das Mädchen, zu dem sie werden sollte, wäre alles gewesen, was sie und er wollten. Und sie hätte es verdient, so zu sein. Und er hätte es verdient, so einen Menschen an seiner Seite zu haben. Dieser Mensch wurde strenger. Verständnisloser. Hartnäckiger. Er spielte den Bösen Cop, als hätte es nie einen Guten gegeben. Sie flüchtete in Lügen. An geheime Orte. Tat heimlich die Dinge, die sie nicht mehr tun wollte. Bekam Angst vor dem einen Menschen, den sie so liebte. Aber sie wusste, er war nur so, weil sie es nicht schaffte. Weil er nicht mitansehen konnte, wie sie versagte. Und wenn sie sich erst einmal verändert hatte, wäre er wieder so wundervoll wie am Anfang; ja vielleicht sogar noch wundervoller. Wochen vergingen. Monate und Jahre und irgendwann erkannte dieses Mädchen, dass sie zu einem dieser Menschen geworden war, die Menschen liebten, die ihnen weh taten.

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