Luftanhalten

In einem Zimmer, weit weg von dir, sitze ich und horche in den Tag. So ernst bin ich, so still. Die Augenbrauen zusammengezogen. Die Lippen fest aufeinander gepresst. Jeder Blick bedacht und kontrolliert. Meine Brust wölbt und senkt sich im Takt meiner Gedanken. Mal schneller. Mal langsamer. Mal keinen cm. Luftanhalten.
Ja… Luftanhalten – ich erinnere mich. Ich hielt in Momenten der erdrückenden Überforderung die Luft an, solange, bis mir schwindelig wurde. Hör auf, sagtest du dann immer in einem strengen, besorgten Ton und wenn du bei mir warst, schütteltest du mich. Ein seltsamer Gedanke. Luftanhalten. Als könnte ich jede Überwältigung ersticken. So hat es sich angefühlt. Es beruhigte mich. Ich war Herrin meiner Sinne. Machte es mir klar: ich steuere meinen Körper, so auch meine Gedanken. Luftanhalten. Gedanken ersticken. Doch in deinen Augen war das mehr. Ich wusste damals wohl selbst nicht genau, wieso ich es tat. Nur war mir immer klar, dass ich nicht mich, sondern meine Überforderung ersticken wollte. Luftanhalten. Bis mir schwindelig wurde. Damit ich wieder klarer sein konnte. Ich hörte auf damit, weil es dir Angst machte. Und irgendwie machte es mir dann auch Angst. Es wurde plötzlich zu etwas, das meine Machtlosigkeit verfestigte; dabei war es doch etwas, das mir meine Sinne zurückgab… Du wolltest wohl helfen. Wir merkten wohl beide nicht, dass du mir nicht meine Selbstbestimmung gesichert, sondern sie mir abgesprochen hast. Du hättest wohl auch einen Moment innehalten und Luft anhalten sollen. Vielleicht wäre dir dann aufgefallen, dass du mich kleiner machtest, als jede Überforderung. Aber jetzt spielt das auch keine Rolle mehr. Hier, in einem Zimmer weit weg von dir. Ein seltsamer Gedanke.
Luftanhalten.

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