Vernarbt

Ich wollte sie vor allem Unheil schützen. Vor kampfwütigen Gedanken und lüsternen Blicken. Ich wollte, dass mein Körper alles Unheil von ihr fernhielt. Sie umschlang. Sie in Liebe und Geborgenheit einbettete. Doch sie wollte nicht. Sie schrie. So laut, dass mir der Atem stockte. Sie hämmerte gegen meine Brust. Verstand sie nicht? Kein Wort könnte sich Gehör verschaffen. Keine Träne der Sorge Mitleid. Sie brach aus. In die Welt. Und ich konnte nichts tun, als zusehen. Wie das Licht, nachdem sich alles in ihr so gesehnt hatte, Narben auf ihr Wesen brannte. Wie sich die Unbarmherzigkeit der Neidvollen an ihren Schmerzen ergötzte und ihre Kraft und Schönheit mit jedem Tag verblasste. Ich sah zu mit brennenden Tränen und hoffte. Vielleicht käme sie irgendwann zurück. Vielleicht würde sie irgendwann verstehen. So wartete ich. Gewappnet auf Reue und Todesmüdigkeit. Und ja… sie kam. Anders. Lächelnd. Umarmte mich. Rostig schmeckte ihr Kuss. Sie wusch mir die Tränen vom Gesicht. Und als ich sie so sah, schwebend in dieser kalten Winternacht, da erfüllte es mich mit Stolz. Niemals hätte sie fliegen gelernt, eingesperrt in meiner Brust. Und so blutig, wund sie auch flog, so schön, war sie noch nie.
Eingehüllt im Dornenlicht, so flog sie, meine geliebte Narbenseele.

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