verkLEBEN

Lieber Gerd,
Rastlos liege ich seit Wochen jede Nacht wach. Es will mir nicht in den Kopf, wie ich noch auf meinen müden Beinen stehen, funktionieren, produktiv sein kann. Ich warte nur auf diesen einen Moment, wenn meine Muskeln entspannen, meine Beine einknicken und ich wie ein vom Leben ausgespucktes Wollknäuel auf dem Boden der Realität aufpralle. Lange kann es doch nicht dauern. Braucht nicht jeder Körper Ruhe? Ach Gerd. Ich starre in die Dunkelheit. Oft denke ich nichts. Warte nur ab. Worauf, das weiß ich nicht. Vielleicht auf morgen. Auf eine Uhrzeit, zu der es nicht so seltsam ist aufzustehen und den Tag zu beginnen – bzw. fortzusetzen, denn meine Tage werden seit Wochen nicht beendet. Ab und an denke ich an Menschen, die ich aus meiner Erinnerung gestrichen hatte. Wie es scheint mit Bleistift. Ich merke regelrecht, wie die Linien über den Namen wegradiert werden. Es will mir einfach nicht in den Kopf, Gerd, wie so viel Sehnsucht nach Menschen bestehen kann, die meinem Wesen widersprachen, mich verletzten, mich klein machten. Meine Hand liegt flach auf meinem Bauch. Obwohl alles pechschwarz um mich herum ist, sehe ich dein Gesicht in Full HD vor meinem Auge aufflimmern. Ach, spuck mich aus, Leben, wir sind es doch beide müde: du vom Zerkauen und ich vom Zerkaut werden. Kaugummis verlieren nun einmal mit der Zeit ihren Geschmack. Spuck mich aus und lass mich auf dem grauen Asphalt ein paar Steine verkLEBEN.

5 Kommentare zu „verkLEBEN

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