Hayat – Viagra

Ihre Augen leuchten smaragdgrün und ihr Haar glänzt golden. Belle klimpert mit ihren langen Wimpern. Ich schaue sie gerne an. Die Wangen rosa, die Haut leicht gebräunt vom Urlaub. Neben ihr steht Sweety. Ihre hüftlangen, braun-gefärbten Haare schimmern rötlich in der Nachmittagssonne. Schneeweiß ist ihre Haut – zu weiß, findet sie, zu blass. Ich sehe das nicht so. Vielmehr bewundere ich das kontrastreiche Zusammenspiel der Farben ihres Körpers. Wir gehen spazieren durch die kleine Altstadt, vorbei an schönen Fachwerkhäusern, Gasthäusern mit guter, deutscher Küche und vielen kleinen Läden. Wir schmunzeln über die Spitznamen, die wir uns vor Jahren einmal gegeben hatten. Belle, die Schöne. Sweety, die Süße und Teddy… das bin ich. ‚Wenn du ein Tier wärst, wärst du ein Bär‘, wurde mir einmal gesagt – von einem Menschen mit den schönsten eisblauen Augen, die mir bis dato begegnet sind. Mein Blick fällt in ein Schaufenster und ich bleibe stehen. Sie sieht mich, aber ich brauche einen Moment bis ich sie wiedererkenne. Man muss kein Experte sein, um zu bemerken, dass ihre dunklen, dicken Haare geglättet sind. Ihre Augen sind weit geöffnet und erschrocken starrt sie mich an. Sie sieht so anders aus, pocht es in meinem Kopf und mein Herz schlägt warnend gegen meine Brust. ‚Bist du nicht etwas zu jung für Viagra?‘, lachen die Mädchen, die meinem Blick in das Apothekenfenster gefolgt waren. Ich schaue sie an. Ihre weichen, glatten Haare wehen im Wind. Dass mein Lachen gequält ist, fällt ihnen nicht auf und so laufen wir weiter, redend von nervigen Lehrern, zickigen Schulfreunden und süßen Jungs. Es muss ein schönes Bild sein: Drei Freundinnen gänzlich verloren inmitten der Pubertät. Belle, die Schöne, Sweety, die Süße und Teddy, das bin ich. Manchmal vergesse ich das – dass ich Teddy bin- wenn ich so durch die Welt flaniere. Ich vergesse mich, während ich in die weiße Flut eintauche und meine, eins mit ihr zu werden, in ihr zu zergehen, mit ihr zu verschmelzen. Und denke ich, gänzlich zerflossen zu sein, stellt sich der Spiegel der gnadenlosen Realität vor mich und raubt mir meinen Atem; erinnert mich, dass ich nicht Belle die Schöne bin und auch nicht Sweety, die meint zu blass zu sein. Nein. Teddy, das bin ich. Teddy, die Braune. Und ist es kein Schaufenster, das mir für einen Moment den Atem raubt, weil ich mich selbst nicht erkenne, so ist es alles andere, was meine Blicke trifft. Ich weiß nicht recht, wie gut es mir tut, zu realisieren, dass ich niemals zerfließen werde. Lange, so lange, konnte ich mit viel mehr Liebe und Verständnis durch die Welt taumeln. Ich redete mir nicht nur ein, es schön zu finden, dass sich anders für mich interessiert wurde, als für meine Freunde. Nein, ich empfand es wirklich so. Ich wuchs damit auf, dass man mich länger anschaute und über meinen Namen stolperte. Ich lernte schnell, dass ich nicht nur einen Namen habe, wie die anderen Kindergartenkinder und dass vor der Frage nach meinem Alter, die nach meiner Herkunft kommt. Es dauerte zwar etwas, bis ich verstand, dass man nicht nach meiner Adresse fragte, sondern den Grund für mein Aussehen. Aber es war ok. Man war so nett und interessiert. Das gefiel dem kleinen Mädchen. Ich gewöhnte mich daran, Menschen nicht über Vereine, die Schule oder Feiern kennenzulernen, sondern über meine Haare, die wie ein Magnet täglich Hände in ihre Fänge ziehen sollten. Bis heute erschrecke ich nicht, wenn sich plötzlich etwas in meinen Haaren verfängt. ‚Ja, das sind meine Locken. Ja, die sind echt. Ja, das Kämmen ist nicht so einfach. Nein, ich föhne sie nicht, das macht sie struppig. Ja, sie sind nicht so weich, wie normales Haar. Welches Shampoo ich benutze? Nie ein bestimmtes, ich kaufe, was gut riecht.‘ Ich lernte schnell, dass die eigene Wahrnehmung meiner Selbst und der Blick meiner Mitmenschen auf mich, sich unterschieden wie Tag und Nacht. Lernen heißt aber nicht begreifen oder akzeptieren. Nein. Es will mir nicht in den Kopf, wieso ich anders sein soll. Wieso erwartet wird, dass ich es bin, nur weil ich heiße, wie ich heiße und aussehe, wie ich aussehe. Brille heißt Streber. Minirock heißt leichtes Mädchen. Manchmal wünschte ich, ich könnte mich einfach umziehen, um diesen Bildern zu entgehen. Doch selbst das Haarefärben (blonde Strähnen sehen wirklch nicht gut aus an mir; wer hätte das gedacht!) und das stundenlange Glätten konnten mich nicht aus dem Migrationshintergrund ziehen. Ficken. Keine Ahnung, wieso ich das jetzt schreibe. Passt gerade einfach nicht, oder? Deine Frage, ob ich einen Freund haben darf bzw. noch Jungfrau bin, nachdem wir uns händeschüttelnd mit Namen vorstellten und du mich fragtest, woher ich komme, auch nicht.

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