Hayat (I.)

Er brüllt Unverständliches und rennt die Straße auf und ab. Sie sitzt auf dem Bordstein und wippt ihren Körper auf und ab. Sie passen nicht in die kühl, wohlige Novembernacht des Moments, stören die Ruhe, die Atmosphäre. Endlich kommt ein grüner Wagen angefahren. Er schmeißt sich vor das Fahrzeug und brüllt Unverständliches. Sie jammert. Sie wurden losgeschickt, weil Unruhe gemeldet wurde. Angekommen, zögern sie nicht länger und steigen aus. Ein Blick genügt. Sie fordern ihn und sie auf, einzusteigen. Blaulicht. Sie sind nervös. Er irgendetwas zwischen wütend, verzweifelt und irgendwie erleichtert. Sie kann nicht aufhören zu weinen.
Angekommen wartet man schon auf sie. Alles geht schnell. So schnell, dass er kaum versteht, was passiert. Sie hat keine Zeit nachzudenken – möchte es auch gar nicht. Man führt sie hinein, durch verschiedene große Türe. Er versteht sie nicht. Sie weint. Ganz routiniert bewegt man sich hier. Jeder Schritt bewusst und bedacht. Jede Frage wichtig. Er versteht sie nicht. Sie weint. Ihr Kopf ist kreidebleich und neben ihm wirkt sie noch viel weißer. Man gibt ihnen Anweisungen und versucht zu beruhigen. Und dann passiert es. Ganz plötzlich. Ganz schnell. Siebter November, viel früher als erwartet. Blutverschmiert, etwas zwischen rot, blau und weiß. Wäre die Polizei nicht gekommen, wäre ich ein Straßenkind geworden. So wurde ich zum Blaulichtkind. Ganz nett. Besser als Gelb, und Grün, und ja… auch besser als ein Rotlichtkind. Egal, wie böse Anne auch war, hätte Baba nicht das Tanken vergessen, hätte ich nicht diese Novembernacht einatmen können.

Ich bekam nichts mit. Von all dem Trubel, der um mich gemacht wurde. Gott-sei-Dank sollte das auch lange so bleiben. Ich lebte in einer Novemberseifenblase und bekam nichts mit. Ich bekam nicht mit, wie Anne und Baba keine Wohnung fanden, weil niemand an Hundebesitzer oder Türken vermieten wollte, ganz gleich, ob die Wohnungsbewerber „türkisch“ waren oder nicht. So aussehen langte, was das auch immer bedeuten mag. Ich bekam auch nicht mit, wie sie deswegen in einer Garage lebten. Ich bekam nicht mit, wie wir nur umziehen konnten, weil Anne alleine zu Besichtigungen ging und die Menschen sie für a nettes bayrisches Madla hielten, weil sie „gar nicht anders“ aussieht und so gut deutsch spricht. Ich bekam nicht mit, wie meine Eltern nach einem Kindergarten ohne mehr-sprachige Kinder suchten, weil sie annahmen, dass nur dann das fehlerfreie Deutsch-Lernen gewährleistet sei. Ich bekam nichts davon mit. Ich lernte die Welt auf eine wundervolle Weise kennen: mit viel Liebe, Geborgenheit, Geschwisterglück und Zartheit. Ich schwebte. Lange, lange Zeit. Ich schwebte. Schwebte. Schwebte. Bis ich irgendwann erkannte, dass nicht ich so graziös durch das Leben flog, sondern eine fremdgeschaffene, nie dazugehören-werdende Illusion von mir selbst.

3 Kommentare zu „Hayat (I.)

  1. Irgendwie ist es schön dich lesen zu dürfen.
    Obwohl oder vielleicht sogar weil wir uns nicht kennen.
    Kein Gedränge oder aufeinander einstürmen.
    Keine Angst die man haben müsste.
    Keine Tauschgegenstände.
    Eine Begegnung die darauf reduziert wurde zu beobachten.
    Und am liebsten würde ich dir heimlich ein Lächeln zustecken.

    Ich weiß nicht wofür das nun ist.
    Aber ich möchte dir danken.
    Dein „Bild“ beruhigt mich.

    Gefällt 1 Person

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