Lass‘ mich wieder taumeln

Sie sieht mich nicht gerne an, wenn ich so aufgebracht bin. Bestürzt, mitleidig und ja, fast schon etwas kopfschüttelnd senkt sie ihren Blick. Sie erträgt mich nicht. Zählt die Sekunden, bis ich wieder ruhig bin. Es ist nicht so, dass ich es nicht mitbekomme. Im Gegenteil. Ich sehe sie nervös mit dem linken Fuß tippeln und vor sich hin brummeln, ich solle doch bitte, bitte, bitte einfach loslassen. Loslassen, sagst du, grummele ich. Wie denn? Bei so viel Ignoranz und Ungerechtigkeit. Es wird sich nie etwas ändern. Ich schlage die Hand auf den Tisch. Jetzt hebt sie den Blick. Und während sie sich umdreht und mich verlässt, höre ich sie noch flüstern: So bestimmt nicht, Saide, so bestimmt nicht. Es sticht, so schlimm, mein Herz und bevor mein Verstand begreifen kann, zittert mein Körper vor Kälte, flehend, sie zurückzurufen. Ich verstehe. Ja, ich verstehe, setze mich an den Tisch, nehme ein Stift, ein Blatt Papier und schreibe ihr:

Liebe Liebe,

weißt du noch, damals, als es nur uns beide gab? Ich schwebte. Lange, lange Zeit. Ich schwebte. Schwebte. Schwebte. Bis ich irgendwann anfing zu erkennen, in welchen Strukturen ich da so schwebte. So vieles begann mir wehzutun, irritierte mich und machte wütend, so wütend. Früher fiel es dir noch leichter, mich zu besänftigen, mich einzulullen, doch jetzt scheint es, als würde alles, was du sagst, so banal klingen. Und ja, ich muss zugeben, irgendwie ist es einfacher, auf Unverständliches mit Unverständnis, auf Wütend-machendes, mit Wut zu reagieren. Und gleichzeitig raubt es Kraft und ja, meine liebste Liebe, du hast recht, es ändert nichts. Wie auch? Wenn ich genauso, wie die anderen Köche der Welt, Chili in die Suppe schmeiße, wird sie nicht plötzlich milder. Ich möchte nicht mehr, Liebe. Mir die Zunge verbrennen und mit laufender Nase Chili-Tränen weinen. Ich möchte wieder erkennen, wieso mich Dinge so unaufhaltbar berühren. Denn wenn ich die Suppe zu scharf finde, dann, weil ich weiß, wie sie eigentlich schmecken könnte. Könnte. Könnte. Wenn wir das Chili nicht so dominieren lassen. Die Zwiebeln, das Gemüse, Salz, Pfeffer, Kumin – alle Zutaten entfalten und eins werden lassen. Mh, sie könnte so gut schmecken diese Suppe. Könnte, könnte. Könnte, wenn ich mich an ihren Geschmack erinnere. Ihn lebe. Ihn liebe.

Ach, Liebe, lass‘ mich wieder taumeln. Nimm mich an der Hand, geh mit mir durch die Welt und sehe ich Schmerz, hüpf’ auf meine Nase, drück’ dich fest gegen meine Stirn und lass mich Liebe sehen. Ich möchte mich erinnern, wie wir uns gefunden haben, damit ich dich immer wiederfinden kann. Lass uns Verstecken spielen und ich verspreche, mich auf der Suche nach dir nicht zu verlieren. Dich nicht zu verlieren. Und ganz ehrlich, Liebe. Eigentlich ist es ziemlich blöd, dich zu verlieren. Denn du bist überall. Du steckst in Hass, in Wut, in Angst. Weil wir lieben, hassen wir. Weil wir lieben, werden wir wütend. Weil wir lieben, fürchten wir. Wir wollen schützen, was wir lieben. Wir wollen dich schützen, Liebe, indem wir dich ersticken. Dich vergessen. Hassen, wütend und ängstlich sind, aber nicht mehr wissen, wieso. Jedes Gefühl ist echt. Jedes Gefühl darf gefühlt werden. Muss ich nur lernen, den Unterschied zu sehen, darin, das Gefühl zu haben und das Gefühl zu sein. Ist man das Gefühl, ist man verloren. Hat man das Gefühl, ist man. Loslassen. Ja, Liebe, loslassen, sollten wir. In ewigem Vertrauen fallen. Denn wenn wir fallen, sehen wir, wie hoch wir fliegen können.
Lass‘ mich wieder taumeln, Liebe, lass‘ mich wieder taumeln.

 

9 Kommentare zu „Lass‘ mich wieder taumeln

    1. Deswegen auch nur „fast“. Oh, wehe dir, du Liebsgesülz… schrecklich, wie wahr, schrecklich – schön, wenn man sie so meint und ich meine sie so. Und jetzt Stör mich nicht beim Tanzen.. ich bin stelle meinen Rekord im Pirouetten-Drehen auf ; 26,27,28… 🙂

      Gefällt 1 Person

  1. Ich meine das ich tatsächlich fast weine.
    Für gewöhnlich lüge ich.
    Ich lüge aus Angst.
    Ich lüge aus Hoffnung.
    Wir alle sind Lügner.
    Der Eine mehr, der Andere weniger.
    Aber wir sind zu höflich uns zu enttarnen.
    Oder zu aggressiv und selbst mit lügen beschäftigt.
    Aber nun fühle ich doch mal etwas wirklich.
    Und dann weiß ich wieder mal nicht warum.

    Entschuldige, ich klinge als wäre ich geisteskrank.

    Gefällt 1 Person

    1. Du klingst, als wärst du ganz bei dir. Bleib dort, noch ein, zwei Momente. Halt sie aus, denn sie sind das ehrlichste, was du dir schenken kannst. Hör der Geisteskrankheit zu, sie sagt dir, was du schon lange fühlst, aber nicht in Worte zu kleiden vermagst. Sie tun weh, diese Momente, jedoch nur, weil sie echt sind.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s