Hayat (II.) – Zitronenmuffin mit Zuckerguss

„Ich heiße Sarah“, grinste sie und strich sich durch ihr wildes Haar. Sarah. Sie mochte diesen Namen. Er war so sanft im Klang, so vertraut. Er strahlte Geborgenheit aus. Wenn er etwas zu Essen wäre, dann ein Zitronenmuffin mit Zuckerguss. Fluffig, leicht, simpel, aber dennoch mit Pfiff. Sarah. Sie lächelte und schob ihre Zunge neben den linken Schneidezahn, genau dahin, wo der rechte noch vor ein paar Tagen war. Jetzt hatte ihn die Zahnfee. Wieso sammelt die eigentlich Zähne? Vielleicht aus demselben Grund, wieso manche Menschen auch Tieren Zähne klauen. Vielleicht macht sie Ketten aus ihnen und verkauft sie. Das ist ein komischer Gedanke, denkt Sarah, wenn jemand mit ihren Zähnen um den Hals herumlaufen würde. Sie schließt nachdenklich ihren Mund und schaut den anderen Kindern nach, wie sie auf das Klettergerüst hüpfen. Da waren Lisa, Moritz, Hannah mit h und Hanna ohne h, Peter und Kristina. Alles Freunde von Sarah, aber heute musste sie sich noch einmal vorstellen. Das war wichtig. Denn ab heute würde alles anders werden. Und das mussten alle mitbekommen, denn wenn nur Sarah das gewusst hätte, dann wäre es nie anders geworden. Aber es sollte anders werden. Auch wenn es eigentlich ganz ok war, wie alles war, aber dieses ok fühlte sich irgendwie nicht richtig an. Sarah wusste ganz lange nicht wieso das so war. Ok war ja eigentlich in Ordnung. Aber nicht bei ihr. Ok war irgendwie ungemütlich, unpassend, fragwürdig und beschämend. Es fühlte sich einfach nicht schön an. Es war, als würde dieses ok neon-leuchtend über Sarahs Kopf schweben. Da hatte sie einfach keine Lust darauf und entschied sich, etwas dagegen zu tun. Und da war sie nun, auf dem Spielplatz mit ihren Freunden, hatte sich ihnen vorgestellt – ganz stolz und erwartungsvoll- und kassierte ein Augenrollen von Lisa, ein „ja, klar“ von Moritz, ein beschämtes Nicken von Hannah mit h und ein kurzes Auflachen von Hanna ohne h, ein Seufzen von Peter und ein „passt doch gar nicht“ von Kristina. Sarah. Sie strich sich über ihr wildes Haar, schaute ihren Freunden zu und dachte an die Zahnfee. Ob sie wohl auf das Verkaufsetikett ihres Zahnes „Sarah“ schreiben würde? Das wäre schön, dachte Sarah. Dann würde jemand etwas von Sarah kaufen und wenn Leute fragen würden, „hey, schöner Zahn, von wem ist er?“ Würde der Käufer, „von Sarah“ sagen. Und dann würden die anderen denken, „ah, von Sarah, das ist schön, hast du ein Bild von ihr?“ Und er würde sagen, „klar, hier“. Und sie würden gucken und. Punkt. Sarah strich sich durch ihre wilden Haare. Die würden wohl auch denken, dass Sarah nicht passt. Aber das war echt ein schöner Name! Und Sarah würde so gerne Sarah heißen! Aber das Gefühl wäre wohl irgendwie trotzdem nicht weg, dachte sie. Dieses ungemütliche Gefühl. Und irgendwie wäre es dann noch stärker. Weil, dachte Sarah, weil sie konnte nicht Sarah heißen. Sie wusste nicht wieso. Sie aß echt gerne Zitronenmuffins mit Zuckerguss. Aber ja, wahrscheinlich hatte Kristina Recht. Sie und Zitronenmuffins mit Zuckerguss. Passt ja gar nicht. Hätte sie sich wohl denken können, dass das nicht funktioniert. Keine Ahnung wieso, aber, ja. Die Zahnfee kann ja auch nicht plötzlich sagen, sie heißt jetzt Ayla. Würde ihr wohl auch niemand glauben. Und wenn der Schokomuffin mit Kakaoguss allen erzählen würde, er sei ein Zitronenmuffin mit Zuckerguss, würden wohl auch alle denken, der spinnt.

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