03:11

Lieber Gerd,

Fast zwanghaft setze ich in langen Nächten Dokumente mit meinen Gedanken auf. Schwarz auf weiß, so muss ich sie sehen. Wie sich die Buchstaben in das weiße Papier festsetzen, bereit, sich auf ewig in den Fasern festzuhalten. Manchmal scheint es mir, als würde ich Formen erkennen, wenn ich ohne jeglichen Gedanken auf das Geschriebene starre. Formen, Bilder, Muster. Ohne die Zeilen zu lesen, ohne gewisse Zeilen zu fixieren, ohne in Zeilen zu gehen – ohne. Schlaf. Wenn ich aus dem Küchenfenster schaue, kann ich in die Fenster des gegenüberliegenden Gebäudes schauen. Alle Lichtern sind aus. Im dritten Stock flimmert der Full HD Fernseher in XXL. Nein, ich kann nicht sagen, wie viel Zoll das sind. Aber ich kann sagen, das Ding ist ein Tier. Ein Unding. Genauso wie das, was im Moment läuft. Kurze, abgehackte Szenen mit verstörenden Nahaufnahmen von Menschen, die sich selbst verloren haben und im Wahn untergehen. Um das zu erkennen, braucht man keinen Ton. Das geht auch ohne. Ohne Hintergrundmusik, ohne Stimmen, ohne Geräusche – ohne. Schlaf. Jetzt ist er aus. Der Fernseher. Das Gebäude gegenüber eingetaucht in tiefes Schwarz. Schaut jetzt jemand auf das gegenüberliegende Gebäude, ganz unbemerkt, so sieht er ein helles Fenster. Ein Mensch sitzt an einem Laptop. Das könnte er problemlos erkennen. Ohne durch das Fenster steigen zu müssen. Ohne mein Gesicht zu lesen. Ohne wirklich da zu sein – ohne. Schlaf.

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