In all ihrer Nicht-Existenz

Träume nicht, heißt es, lebe, murmele ich vor mich hin, während mir der Geheimdienst erklärt, wie sehr sie meine Mithilfe in einem hochanspruchsvollen Fall brauchen. Ich schüttele kräftig den Kopf. Der Mann, der mir entgegenläuft, schaut mich an, als sei ich wahnsinnig, woraufhin ich ihm lachend zunicke und in den schwarzen Wagen der Agenten steige. So ein Schwachsinn, murmele ich und schaue mir die Akten an, die mir die unbekannten Geheimen entgegenreichen. Leben ohne zu träumen, das reduziert das Leben doch auf alles Erreichbare. Ich binde mir die Haare zu einem Zopf und blättere in der Geheimakte. Die Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel, sagt einer der Geheimen. Ja, das stimmt. Wo würde die Menschheit enden, wenn sie aufhören würde Unmögliches in ihrer Fantasie möglich werden zu lassen? Das ist nicht naiv. Das ist keine Zeitverschwendung. Das ist Leben. Ich schaue aus dem Fenster beobachte, wie wir in eine dunkle Seitenstraße fahren, die mir noch nie aufgefallen war, obwohl ich die Gegend wie meine Westentasche kenne. Niemals werde ich vor einem Millionenpublikum Ballett tanzen oder meinem Ich aus dem Jahre 2040 begegnen. Das ist mir bewusst. Darüber bin ich mir im Klaren. Das ist mehr als unrealistisch, denke ich und merke, dass der schwarze Wagen zum Stehen kommt. Die Agenten nicken mir zu und wir steigen aus. Das ist es, sagt einer. Ja, denke ich, das ist es. Das ist der Grund wieso ich nachts lächelnd in meinem Bett liege und meinen Tag Revue passieren lasse. Ich denke an alle Dinge, deren Nicht-Existenz Existenz in meiner Fantasie gefunden haben. Ich denke an alles, was niemals geschehen wird und sich in seiner geträumten Form zu einer meiner Erinnerungen formiert. Ich denke daran, wie diese Träume mein Leben erfüllen, in allem Wissen, dass sie nur in meiner Fantasie existieren. Aber sie existieren. Ja, sie existieren in all ihrer Nicht-Existenz. Es ist soweit, sagt einer der Agenten und gibt das geheime Zeichen. Ja, das stimmt. Es ist soweit, dass wir Menschen die Nervosität und Trauer über Unerfüllbares ablegen und erkennen, dass ihr Träumen all jene Gefühle in uns auftauchen lassen, die wir uns mit der Erfüllung ihrer ersehnen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s