Erwach(s)en

„Hier saß aber vorher niemand oder?“, fragt er, als ich mich ihm gegenüber auf den bequemsten Sessel auf der Welt setze und meine Unterlagen zur Masterarbeit zurecht rücke. Ich schaue ihn verwirrt an. Ich hatte kurz Pause an der frischen Luft gemacht und war noch nicht bereit Informationen zu empfangen, weswegen es etwas dauerte, bis seine Worte für mich Sinn ergaben. „Hier war frei, meine ich?“ Ich lächele ihm zu und nicke endlich, „Jaja, keine Sorge. Alles gut!“ Während ich mich sortiere, strahlt er mich an: „Diese Stühle sind ja hart genial!“ „Ja, das sind sie wirklich. Wenn man erst einmal den Bogen raus hat und weiß, wie man sich hinsetzt“, schmunzele ich und denke daran, wie ich das erste Mal Angst hatte, umzukippen, weil der Sessel automatisch nach hinten klappt, wenn man sein Gewicht verlagert. „Sind die alle so?“, fragt er und ich nicke. Ich bin etwas zurückhaltend. Ich würde mich gerne unterhalten, einfach weil ich gerne rede, aber wir sind in der Bib und ich wurde schon einmal ermahnt, dass man zum Schnacken raus dem Ruhebereich müsse… Unangenehm… sehr unangenehm. Ihm ist das wohl noch nicht passiert, denke ich. Er redet gelassen weiter. „Was lernst du?“ Ich schaue ihn kurz an und lächele: Ich schreibe meine Masterarbeit.“ „Ach, krass, ich bin noch ganz am Anfang vom BA.“ Wir tauschen noch ein, zwei Sätze aus, bis er merkt, dass ich nicht so im Redefieber bin und weiter arbeitet – oder was auch immer. Ich merke, dass er mich immer wieder anschaut. Anstarrt. Nein, ich gucke nicht auf. Sorry. Bist ja ganz putzig, aber das ist das Problem… Wie alt bist du? 19? 20? Ach Mensch… Wieso denken immer alle, ich sei auch so alt. Ich bin älter, weißt du? Und es macht mich müde, immer so jung geschätzt zu werden. Ich weiß nicht, warum es mich so annervt. Vielleicht, weil ich mit dem Alter Naivität verbinde. Ich denke, man spreche mir Kompetenz ab. Das tust du natürlich nicht. Du bist einfach nur nett. Und ganz putzig, wie du da sitzt, rüber schaust und ab und an los kicherst. Nein, entschuldige, ich frage nicht, was so lustig ist, denke ich und fühle mich ganz schlecht, weil das doch echt doof ist von mir. Du bist ja ganz putzig. Aber ich bin es nicht. Ich möchte es nicht sein. Kein Mädchen. Kein kleines Ding. Ich bin erwachsen. Das merkt man doch. Wenn man mit mir redet. Und erst recht, wenn man sich diese Gedanken hier anschaut. Wie erwachsen sie doch sind. Wie erwachsen. So wie ich.

2 Kommentare zu „Erwach(s)en

  1. Das Erwachsensein ist eine witzige Sache.
    Als Kind verbindet man es mit Riesen, die einen an der Hand halten wenn man über die Straße muss, und einem ich-werde-mal.
    Als Fast-nicht-mehr Kind mit dem Gedanken an Freiheit, und einem bald-werde-ich-vielleicht.
    Aber sobald man selbst ein Erwachsener ist, bedeutet es seine Kreise enger zu ziehen.
    Oder bin nur ich das?
    Ich bin um so viel Leichtigkeit leichter und da ist dauernd ein Schatten von Vernunft.
    Statt dem Traum von Leben merkt man was Leben bedeutet.
    Man bringt dafür seine Opfer und schwelgt in den Freiräumen, zwischen diesen Ich-muss-jetzt-unbedingt.
    Ja, heute ist bei mir Tag des Bindestrichs.
    Der versucht alles zusammenzuhalten und wir tun es ihm gleich.
    Beide sind wir ungewollt komisch in unseren Bemühungen.

    Gefällt 1 Person

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