Hayat – Tick(en)

Kurz vor meiner Einschulung zogen meine Familie und ich in ein kleines Dorf. Ich übertreibe gerne, wenn ich von der Größe erzähle, aber lang Zeit schien es für mich wirklich so, als gäbe es dort mehr Kühe, als Menschen. Es war ein Traum von Ort um groß zu werden (zumindest solange wie Kühe und Bäume spannend waren). Wir wohnten an einem Waldweg und meine Geschwister und ich verbrachten die meiste Zeit des Tages auf Wiesen und Feldern, im Wald oder auf einem –rückblickend betrachtet- super versifften Spielplatz. Es gab damals noch viele Kinder in der Nachbarschaft, sodass wir nie alleine waren. Die Menschen waren so, wie man sich Dorfmenschen vorstellt: auf der einen Seite super offen und super freundlich, auf der anderen Seite super neugierig und super traditionell. Wir Kinder waren das, was Dorfkinder wohl auch zu sein scheinen: Naturkinder, die das Abenteuer lieben. Was wir alles erlebten! Und wie viel Ärger wir immer bekamen! Löcher im Kopf, Schürfwunden, gebrochene Knochen. Alltag. Wundervoll! Was ich jetzt erst begreife ist, wieso wir immer mehr Ärger, als die Anderen bekamen… Mit „wir“ meine ich meine Geschwister und mich. Zum Beispiel dann, als <Nadja> aus einem (zugegeben sehr risikoreichen) Spiel mit einem Loch im Kopf heraus kam… – oh, ich weiß noch, wie wir nur darauf warteten, dass sich dieses Spektakel herumspricht und alle im Dorf Bescheid wissen…

Oder das eine Mal, als einer von uns <Nadja> (so ein Pechvogel aber auch!) auf dem Fahrrad nach Hause fahren wollte, sie aber so doof war und die Beine nicht weit genug vom Rad hielt, sodass sich ihr Fuß –zack- in ihm verhing, der eine von uns und sie vom Rad fielen und sie zum Arzt musste. – oh, ich weiß noch, wie wir betend zu Hause saßen und die Finger kreuzten, dass ihr Fuß nicht gebrochen ist! Und wie wir Angst hatten, in die Schule zu gehen, weil uns die Schuld gegeben worden wäre…

Oder als <David> irgendwie, fragt mich nicht wie!, vor unserer Haustür stolperte, sich wehtat und seine Familie ihm verbot zu uns zu kommen – oh, ich weiß noch, wie seine Oma wütend wurde! Und wie traurig wir darüber waren, dass er nicht mehr kommen durfte, denn wir durften schon vorher nie zu ihm; das wollte seine Familie irgendwie nicht…

Oder als wir Dorfkinder Streiche ausheckten und erwischt wurden…
– Vielleicht bekamen auch die anderen Kinder Ärger. Aber wir bekamen irgendwie immer mehr Ärger. Mussten uns irgendwie immer von „abenteuerlustigen“ Kindern fernhalten. Mussten uns irgendwie immer zuerst entschuldigen. Ich habe das nie begriffen. Wenn die anderen so dumm waren, sich wehzutun, was war das unsere Schuld? Wenn die anderen so dumm waren, sich erwischen zu lassen, wieso mussten wir das ausbaden? Aber dieses Nicht-Verstehen und die „Angst“ vor Ärger machte auch den Reiz aus. Wir waren schließlich Dorfkinder. Wir liebten Abenteuer. Also verging unsere Kindheit voll mit ihnen. Abenteuer und Ärger.

Ich erinnere mich an einen Tag, als wir vom Spielplatz nach Hause liefen und >Davids< Oma uns entgegen kam. Bevor ich „Hallo“ sagen konnte, brüllte sie mir „Hallo“ entgegen. Super strange, dachte ich, lenkte mich aber nicht weiter damit ab. Zu Hause angekommen wartete schon Anne auf mich und fragte, wieso ich <Davids> Oma nicht „Hallo“ gesagt hätte. Ich war irritiert. Für eine alte Frau, war sie ziemlich flott, was Petzen anging! Ich erzählte Anne, dass ich es WIRKLICH tun wollte (wieso auch nicht, ich bin bis heute bekannt dafür jedem Hallo oder wenigstens ein Nicken zu schenken, wofür ich in Berlin echt seltsam angeguckt werde!). Sie war einfach schneller! Wahrscheinlich hatte sie mich einfach eher gesehen und konnte direkt Hallo-en, als wir Blickkontakt hatten. Mein Hirn musste erst einmal die Info weitergeben. Zu meiner Überraschung musste ich nicht mehr sagen. Anne streichelte meinen Kopf. „Ist schon ok, Schatz. Pass’ einfach auf, dass du immer jedem Hallo sagst! So schnell du kannst! Und halt dich fern von dieser Oma.“ Ich verstand nicht, aber war so erleichtert, dass sie mir glaubte, dass ich glücklich in mein Zimmer huschte und Abenteuer plante.

Wisst ihr, wenn ich jetzt so daran denke, verstehe ich jeden Moment des Ärgers. Und ich weiß nicht, was mich trauriger macht – der Grund für den „übertriebenen Ärger“ oder die Tatsache, dass es ein auswegloses Dilemma war. Wir mussten anders sein, als die anderen, weil wir für unser Dorf „anders“ waren. Wir waren nicht <Nadja> oder <David>. Wir waren die Anderen. Alles, was wir taten, war anders, als das, was die Dorfkinder taten, egal wie gleich es war. Spielten wir Streiche, waren es diese Anderen, die Streiche spielen. Tat sich jemand bei uns weh, tat er sich bei diesen Anderen weh. Diese Anderen, die keine Verantwortung tragen konnten, deren Eltern nicht genug aufpassten, die primitiv und unerzogen waren. Diese Anderen, die keine Werte und kein Respekt in sich trugen. Diese Anderen. Anne und Baba beschützten uns mit jedem Hausarrest. Mit jedem Verbot. Sie versuchten den Nährboden der Vorurteile zu vernichten. Den erniedrigenden Blick auf uns abzuwenden. Und gelang es ihnen nicht, mussten wir mehr Ärger bekommen. Nicht, weil wir es dann eher lernten. Nicht, weil sie uns wehtun wollten. Viel mehr, weil man auf uns schaute. Jede Handlung beobachtete. Bewertete. Diese Anderen nicht aus dem Auge ließ. Anne und Baba sahen das. Spürten die Blicke auf ihren Schultern. Hörten die Wiesen und Felder, die Kühe und Vögel erzählen, was die Dorfmenschen so erzählten. Und so mussten wir immer höflicher sein, als die Anderen. Immer Lächeln. Respektvoll mit allen umgehen. Und uns von den Menschen fernhalten, die uns fernhielten. Denn eines war irgendwie immer klar: auch wenn wir immer ein Tick höflicher waren und ein Tick respektvoller und ein Tick braver, blieben wir auch weiterhin und bleiben wohl auch weiterhin diese Anderen. Für uns steht die Zeit und mit ihr das Wort still. Da können wir auch noch so viel ticken, wie wir wollen.

8 Kommentare zu „Hayat – Tick(en)

  1. Die Schönheit die sich heute in deinen Gedanken findet, ist das in meinen Augen alles wert, wenn es dich zu dem gemacht hat was du jetzt bist. Es bereitet mir Freude dich zu lesen. Nicht diese Art von Freude die man schnell behauptet zu empfinden. Ich freue mich aufrichtig über jedes Wort. Nicht um mich dir zu nähern, deinen Gefallen zu finden oder dir zu schmeicheln. Sondern weil du wie eine dieser Romanfiguren bist, die mir so gefallen.
    Es ist schön dich in dieser Weise zu beobachten. Es ist schön dass es dich gibt. Und ich sage danke.
    Mit feuchten Augen ohne dass ich den Grund dafür kenne oder auch nur darüber nachdenke.

    Danke.

    Gefällt mir

    1. Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Fühlen kann ich es, aber verbalisieren? Worte sind so starr manchmal. Wie mit ihnen Gefühle erklären, die komplexer sind als jedes „irgendwie“ und „so“? Aber ich will es versuchen. Weil es mir wichtiger ist, als jedes „sicher“ oder „nicht“.

      Lese ich Deine Worte mit den Augen einer Schreiberin, lesen sie sich wertschätzend und schön. Lese ich sie aber als Saide, machen sie viel mehr mit mir. Ich möchte Dich nicht kränken. Das muss ich Dir wohl nicht sagen. Weiß ich auch sicher, dass das, was Du meintest, wirklich wertschätzend gemeint war und wohl mehr an meinen Schreibstil gerichtet ist. Es hört sich auch irgendwie schön an, an eine „Romanfigur“ zu erinnern. So spannend. So voller Abenteuer. Und ich wäre manchmal auch wirklich gerne eine. Aber wenn ich überlege, dass das, was ich beschreibe, im Rückschluss auch der „Roman“ wäre, schließt sich alles in mir zu einem Protestzug zusammen. Denn sicher ist: wäre mein Leben ein Roman, könnte ich es einfach zuklappen und zur Seite legen, wenn es mir zu viel werden würde. Ich wüsste nach jeder Seite Ungerechtigkeit, dass sich irgendwann alles umdrehen würde. Und vor allem würde ich mich mit dem Satz beruhigen „Es ist ja nur ein Buch!“ – gleichzeitig kann ich sagen, dass diese Buchmetapher hundert Dinge in meinem Kopf aufmacht. Denn es gibt jeden Tag Momente, in denen ich mich „sensationalisiert“ fühle. Selbst wenn ich schweige, meinen Menschen meinen Körper hundert Geschichten erzählen zu hören. Kleiner Lektüretipp am Rande: Orientalismus von Edward Said.

      Weißt Du, ich bin wirklich gerne ich und es mag wohl stimmen, dass ich nicht die Saide wäre, die ich heute bin, hätte ich nicht gewisse Erfahrungen gemacht. Aber ich bin mir sicher, dass ich auch ohne diese Erlebnisse eine Person geworden wäre, die gerne sie selbst ist. „Romanfigur“ und „es war es wert“ liest sich so romantisierend – mich und Rassismus; und das ist, was beschrieben wird: ein Mensch, der Rassismus erfährt. Ich hasse es, das so zu benennen, weil ich mit meinen Texten weder die Mitleidskeule, noch den mahnenden Zeigefinger assoziiert bekommen möchte. Deswegen habe ich diese Art des „Geschichtenerzählens“ gewählt, um diese Themen zu thematisieren. Eine Art, die zu mir passt – ja, lass sie uns doch „seidig“ nennen. Sie schien mir passend für das Thematisieren dieser Dinge – und das muss passieren: diese Dingen müssen thematisiert und problematisiert werden.

      Ich kann verstehen, dass sich der Inhalt schnell in den Schreibstil einlullt und sich alles nach einem Abenteuer anhört. In Abenteuern siegen am Ende aber immer die Helden – über Ängste, Tyrannen, Zwänge. Mein Leben ist aber kein Roman. Mein Leben ist echt. Rassismus ist echt. Wir sind weit davon entfernt, ungleiche Machtasymmetrien zu eliminieren. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Mein Beitrag ist das sensibilisieren. Das Benennen. Das Erkennen und Zu Erkennen geben.

      Ich liebe das Schreiben – ja, wie ich es liebe! Und wenn mein Blog etwas zeigt, dann dass ich mehr bin, als Rassismus. Dieses Thema hat mich nicht erst zu einer Schreiberin gemacht.

      Das Fazit „es ist es wert“ fühlt sich schlussendlich nicht richtig an. Denn was man aus ihm ableiten könnte, wäre: Rassismuserfahrungen haben Wert.

      Bitte lass‘ mich an dieser Stelle noch einmal betonen, dass ich Dir mit diesem Beitrag nichts dergleichen vorwerfen oder unterstellen möchte! Ich möchte erklären, was mit mir passiert, wenn ich so Worte lese, die, das weiß ich, einfach nur nett gemeint sind und viel bedeuten. Manchmal wünschte ich, ich könnte Worte einfach Worte sein lassen. Aber Worte sind einfach mehr als „einfach“. Und manchmal möchte ich unbequem werden. Raus aus dem Seidigen. Mich entsensationalisieren.

      Gefällt 1 Person

  2. Ich verstehe jedes Wort von dir.
    Du hast ja so gesehen auch recht.
    Glaubst du mir dass mir jenes schon davor bewusst war?
    Sogar mit solch einer Antwort habe ich gerechnet.

    Es ist so wie du sagst.
    Ich romantisiere was du mit mir teilst.
    Und das erlaube ich mir auch.

    Darüber hinaus vergesse ich den Ernst der Tatsachen nicht.
    Aber ich kann auch nichts schlimmes daran finden,
    etwas Schönes an deinen Worten zu finden.

    Natürlich wird dir das nicht gerecht.
    Das war aber auch nie mein Anliegen.
    Vielleicht ist es sogar ignorant von mir.
    Aber dann gestatte ich mir auch das.

    Nicht alle Menschen sind rassistisch.
    Ich bin ja selbst nicht ganz „reinblütig“.
    Das weiß von mir aber kaum jemand.
    Mein Name ist ja auch sehr „angepasst“.
    Mir war das einfach nie wichtig.
    Weder bei mir noch bei anderen Menschen.

    Meine Freunde waren immer gut gemischt.
    Und ja, ich verstehe das Problem nicht.
    Aber dieses Unverständnis ist eigentlich eine schöne Sache.
    Weil es mir völlig fern liegt in einem Menschen etwas anderes zu sehen,
    als eben einen Menschen.

    Und in dir – sehe ich ein besonders schönes Exemplar.
    Und das erlaube ich mir.
    Weil es verdammt nochmal wichtig ist etwas Positives in Anderen zu erkennen.
    Ich habe sogar Achtung vor dir.

    Wie dem auch sei,
    nichts von deinen Worten kränkt mich.
    Ich hoffe aber dass du auch mich verstehst.
    Ich glaube dass du auch mich verstehst.

    Ps: Das war fucking aufrichtig.
    Ich mag dich eben.
    Fremde. 🙂

    Gefällt mir

    1. Da steckt ganz viel, was richtig ist und ganz viel, was ich nicht einordnen kann und gerade auch nicht möchte. Aber irgendwann wird sich das vielleicht ändern. Und dann bekommst Du erneut eine „fucking aufrichtige“ Antwort 🙂 Vielleicht wirst Du auch vorher im Querschnitt meiner Texte erahnen können, wohin es geht. Und mich mit „fucking aufrichtigen“ Fragen oder Meinungen überraschen. Es bleibt spannend 🙂

      Gefällt mir

      1. Ich würde es dir nicht übel nehmen.
        Aber weißt du, nur weil ich deine Art schön finde, bedeutet es nicht dass mir die Ernsthaftigkeit entgeht. Natürlich gibt es Menschen die sich mit solchen Dingen nie auseinandersetzen mussten, und die man ein bisschen wachrütteln möchte. Ich gehöre aber nicht dazu. Sagen wir meine Kindheit war problematisch. Vermutlich – das ist eine Behauptung – mehr als die deine. Mir ist nicht vieles an Problemen fremd. Wenn man mir das nicht anmerkt, finde ich das schön. Das bedeutet auch nicht alles was du sagst, wüsste ich sowieso schon längst. Aber du hast meine Aufmerksamkeit und mein Verständnis.

        Ich gehöre nur nicht zu jenen Menschen die so etwas lesen und dann nochmal in eigenen Worten zusammenfassen, warum diese „Fremdenskepsis“ unfair wäre. Das muss man nicht betonen um es zu begreifen. Und nur weil ich dich gerne lese, ist das was ich davon aufnehme nicht verklärt. Wenn es dennoch den Anschein hat, liegt das wiederum an meiner Ausdrucksweise.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s