Eilmeldung

Auto rast…
Mann schubst…
Polizeieinsatz…

Und sie poppen auf, diese Nachrichten, eine nach der anderen. Bringen mein Herz zum Rasen. Meine Finger eilen über das Touchfeld meines Telefons. Und während meine Finger das Dokument auf und ab scrollen, scannen meine Augen die Informationen nach Hinweisen ab. Bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht, bitte – Schwarz.

Flüchtling.
Islam.
Terror.
Migrationshintergrund.

Ich schließe meine Augen. Atme tief ein. Tief aus. Sammele Kraft, um die Nachrichten nun im Ganzen zu betrachten. Tief in mir höre ich eine Stimme mich verachtend fragen: Wirklich? Das erste, was du wissen willst, ist, ob es einer von >den Anderen< war? Hoffst insgeheim, dass die Bilder im Artikel etwas anderes zeigen? Dass in der Mitte des Artikels das Wort „Unfall“ frech den Leser anspringt?
Traurig, Saide. Du bist traurig.

Ja. Ja, das alles hoffe ich. Und Gott bin ich erleichtert, wenn ich lese, dass dieser Mensch nicht einer von >den Anderen< war. So erleichtert! Warum? Weil es ab da nur noch ein Mensch ist, um den es geht. Ein Mensch. – Ich muss mir diese Leserkommentare nicht antun: empörte Menschen, die alles sehen, nur nicht das, was hinter dem „Offensichtlichen“ steht. So wie Lena, die fragt, wie die Polizei Hilfe bei der Suche nach Tätern erwartet, „ohne genaue Angaben“ zu machen. Das Video, das gezeigt wird, reicht ihr nicht. Die Gesichter, die sie sieht, sind nicht klar genug. Sehen reicht nicht. Man muss das Gesehene auch benennen, aber das machen „sie“ wohl nicht und das regt Lena auf:

„Solche Taten werden fast ausschließlich von den gleichen Tätergruppen begangen und dann zu spät, ohne genauere Angaben öffentlich gemacht. Berichtet doch nur von diesen freundlichen, sehr lehrfähigen, fleißigen Helfern, die neu zu uns kommen und niemals gegen unsere Gesetze verstoßen.“

Ich nicke.
Lena ist ein schöner Name. Wirklich. Ich würde Lena gerne antworten. Mein Name würde ihr wahrscheinlich nicht gefallen. Auch wenn er sonst immer allen sehr gefällt. Nur nicht dann, wenn er etwas von „Rassismus“ erzählt. Dann ist der Name nicht mehr so schön. Dann spricht er mir Kompetenz und Neutralität ab. Kompetent meine ich auch mit dem Namen zu bleiben. Neutral wohl eher nicht. Nein. Das wird wohl stimmen. Wie kann ich neutral sein, wenn die Lenas der Welt bestimmen, wann mein Name kompetent ist und wann nicht? Ich lege mein Handy weg und starre gegen die Decke. Meine Hände liegen auf meinem Bauch. Peinlich, aber ich muss weinen. Bestimmt gibt es Lenas da draußen, die das auch müssen. Und wie gerne würde ich ihnen erklären, wie viel komplizierter das alles ist, was für sie so simpel zu sein scheint. Und gleichzeitig möchte ich mir diesen Schuh nicht anziehen. Er ist so verdammt unbequem. Viel zu klein, viel zu eng, viel zu braun. Aber barfuß bohren sich Scherben tiefer in nackte Haut.
Traurig, Lena. Ich bin traurig.

I wish I could shut up, but I can’t and I won’t. – Desmond Tutu.

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