Messe messing with me

Lieber Gerd,

ich habe es getan. Tatsächlich. Drei Tage als Messehostess gearbeitet. Ich sag‘ dir was, Gerd: sowas macht jemand mit meinem Kopf einmal und nie wieder. Ich hatte ein herzliebes Team und eine herzliebe Aufgabe (Apfelstücke verschenken), aber herzlieb waren die meisten der Gestalten nicht zu mir. Naja. Oder vielleicht „zu“ herzlieb? Nein. Nein. Wirklich nicht. Weiß du, ich verstehe echt nicht, was in so einem beschränkten Kopf vor sich gehen muss, wenn er meint, sich so benehmen zu müssen. Da stehst du da. Nichts ahnend. Mit einem riesigen, wohl bemerkt schweren, Korb voller Give-aways und lächelst – ja, du lächelst. Denn mal ehrlich, lächeln ist doch wirklich eine schöne Sache. Und wer muss denn nicht lächeln, wenn er Apfelstücke verschenken darf? Und sei es nur der Menschen wegen, die sich wie ein kleines Kind freuen. Oder wie ein kleines Kind schämen. Oder wie ein verkopfter Erwachsener beim hastigen Gehen in den Korb greifen, sich „vergreifen“, es zu spät begreifen, doch stehen bleiben müssen, um ganz hektisch ihre Hände wieder „entgreifen“ zu können. Zu Lächeln gibt es genug. Und auch wenn dir nicht nach Lächeln ist – nun ja, es ist irgendwie dein Job. Du hast es dir ausgesucht. Also lächle! So… wo war ich? Ach ja. Ich lächelte. Herzallerlieb. Und hielt den Menschen meinen Korb entgegen, damit sie sich trauen, hineinzugreifen. – So. Gerd. Noch einmal: Ich hielt ihnen meinen KORB hin. Verstanden? Korb. Korb. Korb. Nicht mein Gesicht. Nicht meine Arme. Nicht meine Haare. Ich lächelte, weil ich halt gerne lächele. Nicht, weil ich angezwinkert, angeflirtet, angeschmachtet werden wollte. Ich verschenkte Apfelstücke. Nicht die Erlaubnis Fotos von mir zu machen. Ich nickte der Apfelstücke wegen bestätigend zu und bestätigte nicht, wie ein dummes, kleines, naives Objekt behandelt werden zu wollen. Gerd… ich war kurz davor, anstelle der Apfelstücke Kopfnüsse zu verteilen. Wie widerlich, beschränkt und einfach nur idiotisch kann man bitte sein? Und wehe mir kommt jetzt einer mit meinem Outfit. Denn erstens: Ich hatte eine Stoffhose, ein Shirt und ein Oversized Blazer (Bomben-Klamotten, by the way; aus meinem Kleiderschrank natürlich 🙂 ) an. Nichts figurbetontes. Nichts kurzes. Nichts. Und zweitens: Selbst WENN ich eines der Menschen gewesen wäre, das in unmögliche Outfits gesteckt wurde, wäre das niemals eine Einladung zu solch einer Behandlung gewesen! Kein Minirock, kein Ausschnitt, keine Schultern schreien nach Respektlosigkeit, Objektivierung und Degradierung der eigenen Person! Und dass ich genauso behandelt wurde, wie Menschen in Kleidchen und Plateau-High Heels zeigt doch nur, dass es scheiß egal ist, was du anhast, hauptsache du hast darunter Brüste oder eine Vagina. Und dennoch: liebe Aussteller und Ausstellerinnen: dass ihr nur Menschen ohne Vagina in Xxl Maskottchen-Kostüme steckt und nicht in Kleidchen und Schühchen, sagt alles. Gerd… I tell you, ich wüsste so gerne, wie sich diese Typen fühlen würden, wenn ihnen Frauen mit leckenden Lippen in ihre Ohren flüstern, wie süß sie sind; Bilder mit oder von ihnen machen oder sie über Videochat ihren Kolleginnen zeigen würden. Bah. Bah. Bah.
Menschenskinder.

6 Kommentare zu „Messe messing with me

  1. Gefällt mir außerordentlich gut, denn es ist ein Beitrag, wie er in TATORT PSYCHE stehen könnte. Nur Menschen mit LOCH IM KOPF können sich unverschämt verhalten. ‚Menschen, deren Gehirn eigentlich ganz normal funktioniert, die aber damit ein Leben führen, das alles andere als menschlich ist … Zitat aus dem Buch von Prof. Gerald Hüther. ‚Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn‘.
    Bleibt die Frage offen, ob solche Zeitgenossen bei dem Angebot an unsozialem Verhalten überhaupt noch die Chance haben, menschlich zu werden!
    Lass dich nicht unterkriegen! Du bist auf der menschlichen Seite.
    jmolbrich

    Gefällt 1 Person

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