Berlin, 05.02.2018, gegen Mittag

„Zu wem soll ich jetzt? Zu ihr oder ihr?“ – Das ist egal. „Oder zu der Hübschen da hinten rechts?“ – Gehen Sie jetzt einfach vor! „Hallo, ich bin Patient bei Ihnen. Mein Arzt heißt Herr Musterarzt. Kann das sein? Gibt es so einen Arzt bei Ihnen?“ – Ja. Wollen Sie zu ihm? „Nein. Ich habe ein Anliegen. Ich brauche die Medikamente vom letzten Mal wieder. Und dann würde ich gerne die blonde Ärztin nochmal sehen.“

Der Mann lehnt sich über die Theke. Die Frau auf der anderen Seite redet geduldig und ruhig mit ihm. Zwei Frauen, die das Geschehen beobachten, stecken die Köpfe zusammen und kichern. Ich kann nicht hingucken und bin damit beschäftigt, mich im Zaun zu halten. Nicht aufzustehen. Dem Mann nicht meine Meinung zu sagen. Früher hätte ich es bestimmt auch witzig gefunden. Früher. Als es irgendwie okay war, wenn Männer in einem bestimmten Alter auf eine bestimmte Weise geredet haben. Als es irgendwie schmeichelnd war, so viele Komplimente zu bekommen. Früher. Ich bin so froh, dass nicht mehr früher ist. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die das nicht verstehen. Diese „Empfindlichkeit“. Alles sei plötzlich sexuelle Belästigung. Menschen, die sich als Mann definieren, sagen, man solle sich mal nicht so haben. Menschen, die sich als Frauen definieren erklären, solche Behandlungen als Kompliment oder „einfach normal“ zu betrachten. Ich kann nachvollziehen, dass es anstrengend und vor allem nervig ist, wenn man plötzlich auf alles achten muss, was man sagt und tut. Aber denkt man einen Moment länger darüber nach, sollte einem doch klar werden, dass es eigentlich wirklich traurig ist, dass es einen so viel Kraft kostet, respektvoller und vorsichtiger in seinen Äußerungen zu sein. Man(n) nimmt sich die Erlaubnis mit Frau* so umzugehen, wie Man(n) will.
Zwinker, Zwinker. Lippen lecken. Du Hübsche. Du Schöne. Du Wilde. Du Heiße. – Deine Lippen… Deine Haare… Deine Haut. Stopp.
Vielleicht ist es einfacher, wenn man sich vorstellt, man redete mit seiner eigenen Tochter. Bestimmt sagt Man(n) ihr auch, dass sie* schön ist. Aber (hoffentlich) ohne Zwinker Zwinker, Lippen lecken. Du Schöne. Du Wilde. Du Heiße. – Deine Lippen… Deine Haare… Deine Haut.

 

5 Kommentare zu „Berlin, 05.02.2018, gegen Mittag

  1. Wen ich Deinen Text hier lese, geht es mir wie so oft, wenn ich „draußen“ unterwegs bin: Ich schäme mich für viele „meiner Geschlechtsgenossen“. Ich finde die Art und Weise, wie im Alltag miteinander „kommuniziert“ wird, ohnehin immer unerträglicher. In vielen Runden mag ich nicht mehr „mitreden“. In Männerrunden schon gar nicht.

    Manchmal ist man als Mann dann schon ein bisschen allein. Aber das ist mir egal. Denn immerhin gibt es noch Menschen, mit denen man sich wirklich unterhalten, austauschen kann. Allerdings finde ich diese Menschen viel öfter unter Frauen.

    Einen besonders lieben Gruß zum heutigen Frauentag an Dich!

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    1. Du treuer Leser,
      nicht nur als Mann ist Man(n) mit dem meinen bzw. unser beider Blick allein. Auch unter Menschen, die sich als Frauen verstehen, gibt es in hoher Zahl auch welche, die es schon fast lästig sind, sich solche Beschreibungen von alltäglichen Begegnungen anzuhören oder durchzulesen. Verständlich. Das ist ein Phänomen, dem man auch in anderen Diskriminierungskategorien begegnet. Personengruppen distanzieren sich von Beschuldigungen aus „eigenen Reihen“, um anderen nicht zu nahe zu treten, sie nicht aufzuregen und vor allem nicht, um den Blick auf die „eigene Personengruppe“ noch zu verschlimmern. So gibt es genug Menschen, die ganz sicherlich Rassismus erfahren, aber ganz überzeugt davon sind, dass es keinen Rassismus gibt. Und eben Frauen, die degradiert werden, aber ernsthaft meinen, keinen Sexismus zu erfahren. Sehr bitter wird es da, wo sich verschiedene Diskriminierungsmerkmale überschneiden.
      Du hast Recht, wichtig ist, daran zu erinnern, dass es Menschen gibt, die einen feinfühligen und kritischen Blick besitzen und sich von anderen zu lösen. Zumindest emotional.
      Herzliche Grüße,
      Saide

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  2. Fein beobachtet, zutreffend beschrieben. Dennoch werden etliche sagen: Flirten muss immer noch erlaubt sein.
    Ich sage: Flirten ist die Kunst, dem Gegenüber Interesse im Sinn von Hochachtung zu signalisieren, und nicht im Sinn von Benutzen wollen. Diese feinen Unterschiede erkennen allerdings nur Menschen, die für das Innnenleben anderer einen Sensor haben. Krankhafte Siegermentalität (der Beste, Reichtste, Schnellste usw.) lässt diese subtilen Fähigkeiten allerdings kaum noch zu.

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    1. Flirten ist Balsam für jede Seele. Ob mit festem Partner oder eine flüchtigen Begegnung. Wie Du aber richtig sagst, muss Flirten erstens respektvoll sein und bleiben und zweitens, beidseitig gewollt sein. Viele Menschen nehmen es sich einfach raus und ignorieren die Signale und Worte des Gegenübers, die sagen: ich möchte nicht.

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