Wenn ich möchte

Ich kann, wenn ich möchte, durch ein Fenster in eine kleine Wohnung blicken. Oft ist es dunkel dort, die Gardinen zugezogen, und keiner scheint zu Hause zu sein. Manchmal aber, oft, wenn alles schläft, zieht sich der dicke Stoff zur Seite und ein Mädchen schaut hinaus. Sie weint. Berührt mit ihrer Stirn die Scheiben, als wolle sie sie kühlen. Sie steht ganz still, aber ich spüre, dass es hinter ihrer Stirn ganz laut ist. Sie bewegt ihre Lippen. Presst sie in einem Moment fest aufeinander, in einem anderen zerkaut sie sie mit ihren Zähnen. Manchmal, da spricht sie. Oder schreit. Schlägt ihre Faust gegen die Scheibe. Mich nimmt sie wohl nicht wahr.

Ich kann, wenn ich möchte, durch ein Fenster in eine kleine Wohnung blicken. Oft ist es dunkel dort, die Gardinen zugezogen, und keiner scheint zu Hause zu sein. Manchmal aber, oft, wenn alles schläft, zieht sich der dicke Stoff zur Seite und ein Mädchen läuft auf und ab. Verlässt das Zimmer, das ich sehe, und betritt es wieder. Steigt auf Stühle und auf Tische. Schüttelt sich. Wirft die Arme in die Höhe, fällt auf ihre Knie, steht genauso schnell wieder auf und horcht. Horcht, ob jemand kommt. Ob jemand sie hört. Mich nimmt sie wohl nicht wahr.

Ich kann, wenn ich möchte, etwas zu ihr hoch rufen. Oft hört sie mich jedoch nicht oder starrt mich verständnislos an. Manchmal aber, oft, wenn sie sehr müde und kraftlos ist, öffnet sie langsam ihr Fenster und streckt mir ihren Kopf entgegen. Ihre Augen sind rot und dunkel umrandet. Ihre Lippen beben. Ihre Augenbrauen sind zusammengezogen. Ich kann ihrem Blick schwer standhalten. Sie schüttelt den Kopf, während ich versuche Worte zu finden. Formt ihren Mund zu einem beschämten Lächeln und tritt weg vom Fenster. Es schließend. Die Gardinen zuziehend. Alles wieder dunkel werden lassend.

Ich kann, wenn ich möchte und obwohl ich so oft nicht will, kann ich nicht anders.

2 Kommentare zu „Wenn ich möchte

  1. Sehr berührend! – Übrigens, verzeih‘ weil das je nicht ganz hierher gehört; auch das „Sag‘ mir …“, das Du auf Instagram geschrieben hast, hat mir sehr, sehr gefallen. Das ist ganz meisterhaft, spricht mich sehr an. – Du hast eine sehr große Gabe zu schreiben, in und mit Bildern, die Empfindungen ausdrücken.

    (Ich habe selbst keinen Instagram-Account, bin überhaupt, und ganz bewusst, nur hier auf dieser Plattform unterwegs, deshalb konnte und kann ich Dir dort meine Gedanken nicht schreiben – aber es waren so faszinierende Zeilen – deshalb habe ich Dir hier ein paar Worte dazu hierlassen wollen.)

    Liebe Grüße an Dich und ein sanftes Sternenfunkeln für Deine Seele!

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s