Die Jugend heutzutage

„Wir freuen uns, Dir heute mitteilen zu können, dass wir Dich gerne bei der diesjährigen Bundeskonferenz der Jungen Islam Konferenz dabei hätten!  Du bist nachgerückt!“

Ich hatte mich für eine der begrenzten Plätze bei der Bundeskonferenz der Jungen Islam Konferenz beworben und nach dem Lesen des ersten Satzes machte auch mein Herz einen Satz. Der sollte nicht so lange sein, wie die Buchstabenkette auf meinem Bildschirm, aber dennoch: mein Herz satzte kurz auf. Freude und Stolz… die Freude blieb auch nach dem Satz. Der Stolz flaute etwas ab: Du bist nachgerückt hieß es schließlich. Und jeder von Uns weiß, was das bedeutet: „Hey, du bist toll, wir wollen dich dabei haben – aber chill, nicht so freudig: du bist nachgerückt; so toll bist du also auch nicht.“ Ich verstehe immer noch nicht ganz, wieso ich nicht in der „Du bist bedingungslos toll“ Wolke schweben durfte (vielleicht um meine Zusage noch krasser zu finden), aber ich bin ein sehr gechillter Mensch und finde es einfach nur unfassbar. Unfassbar witzig 🙂 (liebe J-I-K, das ist kein Kritikpunkt; im Gegenteil, ich bin super dankbar für diesen Satz. Er hat mir einige Lacher und damit auch Sympathiepunkte bei ein paar anderen Teilnehmer*innen eingebracht; und ganz ehrlich, die habe ich in manchen Situationen wirklich gebraucht 😉 )Da stand ich also vor diesem langen Anmeldetisch und suchte meinen Namen. Und suchte meinen Namen. Und suchte –

„Ich bin nachgerückt… vielleicht gibt es da eine andere Liste?“

Gab es nicht. Was auch mehr witzig, als schlimm war. Ich durfte die drei Tage einen von mir selbst, individuell gestalteten Namenssticker tragen. Das Nachrücken rückte mir ziemlich auf die Pelle. Ich trug es symbolisch, mit viel Herz, auf meiner Brust.

Etwas verloren stand ich im Eingangsbereich und sah eine kleine Gruppe von Menschen zusammenstehen und sich unterhalten. Man glaubt es kaum, aber ich bin ein schüchterner Mensch und so lief ich erst eine Runde durch das Foyer, bis ich mich dann endlich zu den Anderen stellte.

„Ich bin mal so frei und stelle mich einfach dazu.“

Ich blickte lächelnd in die Gruppe und lies mir Fragen stellen bzw. fragte selbst. Die Klassiker natürlich: Bist Du Berliner*in? Aus welcher Stadt kommst Du? Was machst Du sonst so, wenn Du mal nicht auf Konferenzen unterwegs bist? … Ohne tiefer in Details bezüglich Hobbies oder Familienkonstellationen kommen zu können, ging es dann auch sofort ans Eingemachte.
Erfahrung mit Diskriminierung und/oder Rassismus in Schulen/Universitäten
Rassistische Werbung
Botschafter*innen-Sein für „die Anderen“
Empowerment und Awareness
….
BamBamBam.
Die Leute hier hatten Ahnung.
Und wenn es oftmals auch „nur“ ein Gefühl war, das sich bei gewissen Dingen bei ihnen breit machte, war es doch das Richtige. Post-Koloniale Theorie hin oder her: zuerst muss mensch* offen sein, für diese Gedanken, um sie zu verstehen bzw. an sich heran zu lassen. Und um dann mit Begriffen zu jonglieren, falls mensch* gerne jongliert.
Fühlend und reflektierend war mensch* um mich herum. Schnell machte sich bei mir Begeisterung breit. Ich war teilweise bis fast zu zehn Jahre älter und rückblickend steht für mich fest: ich war damals alleine mit meinen Gefühlen nicht da, wo ein großer Teil der anderen Teilnehmer*innen bereits ist. Und das ist das, was ich für mich mitnehme. Ich könnte, wenn ich wollte, über meine Meinung zu den verschiedenen Ansprachen, Aussagen, Diskussionen von eingeladenen Gästen schreiben, aber ich möchte dem nicht so viel Raum geben. Nein. Tatsächlich nicht.

Manchmal muss man anderen Dingen Raum geben. Anderen Menschen eine Bühne geben. Also: Handies aus, Vorhang auf und Spot auf meine Mitstreiker*innen:
die Jugend heutzutage.

 

So ist sie

Die Jugend heutzutage.
Die Jugend heutzutage kann mitten im Wortgefecht ohne Ankündigung und Anlauf auf heteronormativ-weiß-(männliche) Meinungen spuken. Bestimmt auch beim wilden Snacken von Sonnenblumenkernen oder bei einem kräftigen Ayran-Shot. So ist sie:
Die Jugend heutzutage.

Die Jugend heutzutage mischt sich in alle Themen ein, die sie mehr angeht, als ihr gesagt wird und rebelliert mit aller Kraft gegen das, was Privilegienjäger*innen „modern“ und „demokratisch“ nennen. Sie nimmt sich, was ihnen genommen wird. Bricht aus, worin sie gesperrt wurde. So ist sie:
Die Jugend heutzutage.

Die Jugend heutzutage muss gefürchtet werden, denn in allem, was sie tut, allem was sie sagt, allem, was sie fühlt, denkt, hört, sieht, schmeckt – wahrnimmt, findet sie wieder, was ihr genommen wurde und bis heute versteckt wird. So ist sie:
Die Jugend heutzutage.

Die Jugend heutzutage hat keine Lust mehr auf den Blick auf die Jugend heutzutage. Sie reflektiert in ihren Reflexionen, das Reflektieren nicht-Reflektierender. So ist sie:
Die Jugend heutzutage.

Die Jugend heutzutage existiert nur in ihrer Vielgestaltigkeit. Ist nicht eins. Sondern viel. Ist nicht gleich. Sondern Verschieden. Ist all das, was ihnen abgesprochen wird zu sein. So ist sie:
Die Jugend heutzutage.

3 Kommentare zu „Die Jugend heutzutage

  1. Toller Eintrag, liebe Saide! – „So ist sie“ hat sich für mich wie ein kleiner Petry Slam gelesen und war so nicht nur wegen des Inhalts ein Vergnügen.

    Die Konferenz muss sehr interessant gewesen sein. Ich hatte davon bislang noch nie etwas gehört oder gelesen.

    Aufgeschlossene, interessierte junge Leute sind mit das Wunderbarste was es gibt. Wenn ich aus irgend etwas noch Zuversicht ziehe in diesem verrückt gewordenen Weltgetriebe, dann sind es solche jungen Menschen. Die hinterfragen, die wissbegierig sind, die nach bestem Wissen und Gewissen ihren Platz im Leben zu finden suchen, so, dass es ihren Mitmenschen zu keinem Schaden gereicht, die auf Rücksicht, Achtung, Respekt, Zwischenmenschlichkeit schauen und Wert legen.

    Wie es allerdings mit allem ist, ist es auch mit DER Jugend. Sie ist in sich sehr differenziert, und vieles, was sie heute ausmacht, und eben auch einige Jugendliche ausmacht, bereitet mir Sorge und macht mir bisweilen höllische Angst. Ich sage das nicht so daher, sondern aus persönlicher Erfahrung – ich hatte durch meine Arbeit schon mit sehr unterschiedlichen jungen Menschen zu tun …

    Viele liebe Grüße an Dich in die Hauptstadt!

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    1. Danke für diese Gedanken. Weißt Du, die Jugend ist vielgestaltig, ja. Und diese Art von Pro-Aktivismus, die ich beschreibe, zeigt, dass es Jugendliche gibt, die sich einsetzen. Aber genauso wie ihr Aktiv-Sein uns zeigt, dass es etwas zum Wehren gibt, zeigen es uns auch die, die Dir „Angst machen“. Denn meiner Meinung nach sollte der Fokus nicht auf ihnen liegen, sondern uns dazu animieren, nach dem Rahmen zu suchen, der sie umrandet und festhält – oder eben nicht umrandet und nicht festhält. Menschen reagieren auf Dinge und entwickeln Umgänge für sie. Manche entwickeln einen, den ich im Text beschrieben habe. Andere haben nicht die Unterstützung oder Mittel, wenn nicht sogar keine Kraft mehr, diesen Weg zu gehen. Nicht sie und ihre Umgänge sollten zum nachdenken anregen. Sondern die Gründe.

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