Fünf Schafe

Im Haus meiner Großeltern – will ich schreiben und halte inne. Ich überlege kurz und setze noch einmal neu an:

In der kleinen Wohnung meiner Großeltern hing einmal eine Holzplatte mit dem Satz „Lachen ist die beste Medizin“ an der Wand. Ich weiß nicht, wieso, aber jedes Mal, wenn ich durch diesen engen Flur lief, las ich die Worte. Ich dachte mir nichts dabei. Ich las sie einfach nur. Vor Kurzem sagte einmal ein sehr schlauer Mensch zu mir – nun ja, nicht nur zu mir, aber es fühlte sich so an, als seien seine Worte an mich gerichtet – nun, er sagte: „Versucht Humor in euren Schmerz zu bringen.“ Ich war so voller Wut darüber, dass ich meinen Schmerz und meine Wut mit so etwas banalisierendem wie Humor begegnen sollte, dass ich ihn nicht ernstnehmen konnte. Wie sich aber herausstellte, war dieser sehr schlaue Mensch wirklich sehr schlau. Irgendwann – nun, ich weiß nicht wann und wieso, aber irgendwann, da passierte es. Einfach so. Es war wieder einer dieser Momente, die mich so tief verletzten, dass eigentlich nur Wut ihren Weg über meine Lippen brennen konnte. Aber es passierte etwas anderes.
Ich lief durch Berlin und wurde, wie so oft, auf Englisch angesprochen. Ich erkannte sofort, dass die gewählte Sprache keine Präferenzsprache der Person war. Der Unbekannte stammelte sich heftig einen ab und versuchte Small Talk mit mir zu betreiben. Mein Englisch ist nicht schlecht. Im Gegensatz. Englisch war mein Lieblingsfach und so unterhielt ich mich problemlos mit dem Unbekannten, der mir schöne Augen machen wollte. Wir redeten über dies und das und irgendwann, da fragte ich ihn, ob er denn Deutsch spräche. Die Frage irritierte ihn und er antwortete bekräftigend, er sei Deutsch. Ich fragte ihn, wieso er mich auf Englisch angesprochen hatte. Alles immer noch auf Englisch, versteht sich. Will er Englisch, kriegt er Englisch, dachte ich. „Weil du nicht so aussiehst, als könntest du Deutsch“, sagte er. Nun, hier wäre eigentlich ein Moment gewesen, in dem ich wild gestikulierend geschimpft hätte. Aber wie bereits erwähnt: es passierte etwas anderes. Unbeeindruckt und immer noch Englisch redend, fragte ich ihn, wieso er das denke. „Wegen deinen dunklen Augen und deiner Hautfarbe und deinen Haaren.“ Nun, spätestens hier hätte ich eigentlich durchdrehen müssen. Aber nein; es passierte etwas anderes. Unbeeindruckt und immer noch Englisch redend, fragte ich, wie er denn in einem so divers aufgestellten Ort wie Berlin leben und dennoch denken könne, es gäbe ein bestimmtes Aussehen für Menschen, die Deutsch sprechen. Er war still. Vielleicht reichten seine Englisch Skills nicht mehr aus. Oder mein Pokerface machte ihm zu schaffen. Er schaute nur. „Wenn Sie jetzt gesagt hätten, dass Sie sich nicht sicher sind, weil hier so viele Touris sind – okay. Aber Sie sagen allen Ernstes, ich würde nicht so aussehen, als könnte ich Deutsch sprechen?“ Hier hatte es wohl Klick gemacht und der Unbekannte ruderte zurück, warf die Arme in die Höhe und stammelte „ No, no, because maybe you are tourist, maybe you are tourist.“ Und dann, dann machte ich meinen Mund auf und erklärte ihm, dass das ziemlich schwach sei, jetzt zurück zu rudern– auf Deutsch, versteht sich. Dem Unbekannten fiel die Kinnlade runter. Als stünde eine sprechende Wurzel vor ihm. Er riss seine Augen weit auf und schaute in meine dunklen Augen, auf meine Hautfarbe und meine Haare. Und dann passierte es. Ich musste lachen. Und es tat so gut. Versteht mich nicht falsch, ich habe immer noch meine Momente, in denen ich meiner Wut freie Bahn lasse und ich finde das nicht falsch. Aber ermüdend. Und weil ich ohnehin viel müde bin, versuche ich mich nicht noch mehr ermüden zu lassen. Wenn mich Menschen fragen, woher ich komme, frage ich nun zurück „wo ich wohne oder wieso ich so aussehe“. Wenn Menschen mir erklären, dass der Islam gefährlich sei, entgegne ich: „Wenn das so wäre, hätten wir euch schon lange platt gemacht. Wir sind seit einiger Zeit hier, wisst ihr?“ Wenn ich gefragt werde, ob ich zwangsverheiratet wurde, sage ich „Ja, fünf Jahre bevor ich gezeugt wurde, hat der Sohn des Stammesältesten meiner Familie fünf Schafe versprochen – Kamele waren aus.“

4 Kommentare zu „Fünf Schafe

  1. „Kamele waren aus“ – das ist so großartig, liebe Saide! – Ich habe herzklichst schmunzeln müssen. –

    Ja, es ist schon verstörend mit welchern Stereotypen behaftet so viele Menschen heutzutasge durch die Welt laufen. Das mit Humor zu nehmen, zumal, wenn man selbst andauernd direkt damit konfrontiert wird, ist für mich beeindruckend. Denn, was mich betrifft, habe ich immer öfter das Gefühl, ob dieser Erscheinung, der allgemein immer größer werdenden Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit, bsweilen selbst arg grimmig und verzweifelt durch die Welt zu laufen. – Ich will keineswegs dramatisch daherkommen, aber ich habe doch schon allerlei Kraft gelassen beim eigenen Bemühen, mich zu engagieren, zu argumentieren, mich einzusetzen. So, dass ich es in den letzten Jahren halt auch gesundheitlich sehr zu spüren bekommen habe.

    Umso mehr hat mich Dein Eintrag hier lächeln lassen. – Es ist schön, Dich so kennen zu dürfen, wie Du Dich hier zeigst.

    Viele liebe Grüße an Dich!

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    1. 🙂 Es freut mich sehr, wenn ich Dich zum Schmunzeln gebracht habe.

      Ja, es belastet, wenn sich zur Aufgabe gemacht wird, Dinge, die von Außen kommen und nicht annehmbar für eigene Wertegefühle sind, nicht mehr einfach stehenzulassen. Und noch belastender wird es, wenn einem begegnet wird, als sei man selbst das Problem, zu „sensibel“ (mein Lieblingswort) oder zu „ernst“. Es ist sehr wichtig, sich sichere Räume zu suchen und zu finden, die Kraft geben. Im Anti-Rassismus- und Anti-Diskriminierungs-Kontext spricht man da u.a. von safer spaces, die empowern – also Kraft schenken. Denn niemand hat etwas von uns und unserem Engagement, wenn wir auf der Strecke liegenbleiben. Egal, wie ernst uns Dinge sind, unsere (mentale) Gesundheit ist das wichtigste. Ich wünsche mir, dass Du Deinen Umgang gefunden hast bzw. Menschen um Dich sammeln kannst, die Dich stärken. – und wenn auch weit weg, Berlin darf immer ein Zufluchtsort sein; wenn auch digital.

      Aber nun ein anderer Blickwinkel auf Deine Worte: Weißt Du, ich wehre mich dagegen, das „Stereotyp-belastet“ zu nennen. Sobald es um Zugehörigkeit, Ausgrenzung aufgrund von Aussehen, Namen und/oder (zugeschriebenen) Herkünften geht, ist es mehr als ein Vorurteil. Wir haben aber so unfassbar Angst vor diesem Wort „Rassismus“ dass wir es mit anderen Dingen, wie eben z.B. Vorurteilen, gleichsetzen. Damit kommen wir nicht weiter. Wir müssen keine Rassisten sein und „Ausländer raus“ schreien und/oder gewisse Parteien wählen, um vom Rassismus zu profitieren. Wir müssen nicht Menschen mit schwarzen Haaren hassen oder eine Abneigung gegenüber gewissen Religionen haben, um in unserer Sprache Machtverhältnisse, die auf Rassismus bauen, zu reproduzieren. Kennst Du das Buch „Desintegriert Euch!“ von Max Czollek oder „deutschland schwarz weiß“ von Noah So? Sehr empfehlenswert und ein must-read für alle, die unbequem werden möchten und auch sich selbst hinterfragen wollen. Bald komm auch endlich das Buch „Die Islamdebatte gehört zu Deutschland – Rechtspopulismus und antimuslimischer Rassismus im (post-)kolonialen Kontext“ von Ozan Zakariya Keskinkilic raus. Ich durfte mir die Einleitung anhören und die Sprache ist toll! Genau wie die vorher genannten Personen, gelingt es ihm, komplexe Themen herunterzubrechen ohne dass an Inhalt verloren geht. Seit kurzem ist auch das Buch „Fremdgemacht und reorientiert – jüdisch-muslimische Verflechtungen“ raus, das u.a. von ihm herausgegeben wurde. Ganz tolle Beiträge aus Wissenschaft und Kunst. Auch ein Must, also 😉 Man kann mir Bruderliebe vorwerfen, wenn ich so von ihm rede, aber jeder, der seine Werke liest, kann nichts, außer mir zustimmen 🙂

      So, das war jetzt ein langer Text, entschuldige bitte 🙂

      Viele Wunder und Kekse,
      Saide

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