Beflügelt

Wenn ich ein Blatt Papier vor dem Näschen habe und ein Stift in der Hand, schießen um mich herum starke Blumengeflechte aus dem Boden und umrahmen mich. Alles, was außerhalb dieses wohl duftenden, schattig-sonnigen Plätzchens geschieht, bleibt ungesehen, wird unwichtig, ist plötzlich ganz weit weg. Jedes Wort, das sich auf dem Papier festsaugt, lässt mich Freiheit atmen und meine Augen vor Glück leuchten – vor Glück und ja, auch Stolz. Denn so wenig ich mir auch selbst Gutes zusprechen kann, so klar ist es für mich, dass das Schreiben etwas ist, was mir liegt. Es ist die einzige Kunst, die ich mir zumute und die einzige Kraftquelle, die zum ergiebig Sein nur meine eigene Anerkennung benötigt. Ich habe kein Bedarf an Beifall Anderer, denn all diese Worte entspringen meiner Seele und sind somit von Natur aus richtig und schön; zumindest solange ich sie wirklich begreife und ihnen das richtige Gewand geben kann. Es ist ein wenig wie Kundenbetreuung in der Modewelt. Ich schaue mir den Kunden, also das Gefühl, an und suche ihm die passenden Kleider, also Worte. Ich liebe Mode. Vor allem dafür, dass sie so viel Freiheit gibt: es gibt Dinge, die zeitlos sind und Kleider, die saisonal bedingt ihren Flair haben und irgendwann jedoch aus der Mode geraten. Ebenso ist es mit den Gefühlen. Manche kleide ich in Worte, die ein Leben lang richtig sind. Manche muss ich immer wieder umziehen. Neu definieren. Updaten, damit sie wieder ansehnlich werden, in das Hier und Jetzt passen. Das Schreiben gibt mir die Möglichkeit mich meinen Gefühle hinzugeben, sie anzunehmen und ihnen gerecht zu werden. Verliere ich das Schreiben, verliere ich mich in meinen Gefühlen. Verliere ich meinen Sinn für Mode, verlieren meine Gefühle ihre Kleider, werden nackt, undefiniert, nicht greifbar. Wenn man durch die Welt geht, sieht man viele Menschen, die ihren Emotionen kein Gewand schenken. ‚Des Kaisers neue Kleider‘ waren so auch nur für mutige Kinderaugen nichts als Luft. Gib mir ein Blatt Papier und ein Stift und niemals werde ich diese wachen Augen eines Kindes verlieren, niemals. Versprochen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s