Ja

Lass mich lachen, wenn du weinst.
Unserer Liebe wegen.
Rennen, wenn du stehst
allein im kalten Regen.

Ich will weinen, wenn du lachst,
Für alles, was wir sind,
Warten, wenn du eilst
Mich sehend tröstend blind.

Singen, wenn du schreist,
Wachen, wenn du schläfst.
Das Gegenteil tun,
von dem, was du mir rätst.

 

Dezember-Issues

Here, we are again. Dezember, Freunde, Dezember. Ein Monat, der alle issues des Jahres vereint. Er schreit quasi danach, sich endlich um diese Themen zu kümmern, damit das nächste Jahr, ach ja, ja, das begehrte nächste Jahr, anders wird. Vorzüglich natürlich besser. Im Dezember bereitest du streng genommen nicht nur die Feiertage vor, sondern viel mehr auch die issues des nächsten Jahres. So fühlt es sich an, wenn man den perfekten Übergang in eine neue Zeit einleiten möchte. Altes hinter sich lassen und Neues bitte erst am 01.01. beginnen! Dezember. Ein Monat „der Liebe“, charakterisiert durch das Streben nach „Entschleunigung“ bei gleichzeitiger Schaltung in einen höheren Gang. Dezember. Er könnte so schön sein. Wie Juli. Oder Februar. Oktober auch. Oder alle anderen Monate. Dezember. Ich bin mir sicher, wenn er sprechen könnte, würde er sagen, dass er Menschen nie mochte. Dass seine Tage so kurz und sein Wind so kalt sind, weil er Ruhe und Geborgenheit liebt. Er würde lächeln, wenn er von nassem Schneematsch spräche, fasziniert darüber, wie schnell etwas so ästhetisches wie Schnee als ekelig abgestempelt werden könnte. Er würde von schlafenden Tieren erzählen und erwachenden Lichtern. Von müden Farben und zarten Düften. Dezember. Wieso machen wir Menschen aus allem immer so ein Trara. Wieso lassen wir nichts das sein, was es sein möchten, nur weil wir denken, dass es anders sind? Wieso darf Dezember nicht einfach so sein, wie Dezember ist. Still und ruhig. In sich gekehrt. Besinnt und reflektiert. Das heißt nicht, dass wir seine Tage nicht damit nutzen sollen, uns um unsere Themen zu kümmern. Ganz im Gegenteil. Er würde sich wohl freuen, sähe er einen Jeden von uns ins sich gekehrt, still und ruhig, besinnt und reflektiert.

Heute beginnt ein Empowerment Workshop für Menschen mit Rassismuserfahrung, an dem ich teilnehme. Einen besseren Start in diesen besinnlichen Monat, kann ich mir nicht vorstellen! Was machst Du? Womit tust Du Dir gut? Denn darum sollte es gehen. Im Juli. Oder Februar. Oktober auch. Oder allen anderen Monaten.

Hamsterleben

Ich renne. Wie ein Hamster im Hamsterrad. Ich habe die Ausdauer und Kraft, gleiche Fehler immer und immer wieder zu machen. Mich täglich dafür zu entscheiden, es endlich anders zu tun. Dinge zu verändern. Mir treu zu sein. Mehr Ich zu sein. Alles, was mir schadet, aus meinem Leben zu eliminieren. Ich stehe morgens auf, sage mir, dass ich heute, jetzt, nicht mehr in dieses Hamsterrad steigen werde. Schaue in den Spiegel, um mir meine Narben, blauen Flecken und mein so hart gewordenes Gesicht anzusehen. Und mit diesem Schmerz steige ich erneut in mein Hamsterrad. Renne erneut meine Runden. Mache erneut meine Fehler. Sehe erneut meine Schmerzen aufbrennen. All das während es in meinem Kopf schreit, dass es anders wird. Irgendwann. Irgendwann. Und auch wenn es so aussieht, als würde ich täglich versagen, ist es diese Stimme, die mir zeigt, dass ich siege. Solange sie schreit, bin ich wach. Solange sie schreit, bin ich nicht gebrochen. Solange sie schreit, gibt es Hoffnung.

dm Berlin, 06.11.2017, 17:06 Uhr

„Ich gebe mir Mühe, Mama. Ich bin doch keine Erwachsene.“

Sie hat ihre Hände ausgestreckt. Die Frau, die ihr gegenübersteht, streicht mit Tüchern über die schmalen Finger des Kindes. Sie sind voller Handcreme. Fettig leuchtend. „Ja, aber du bist so ungeschickt!“ Mit meinen Blicken weiß ich nicht wohin. Aber meine Ohren richten sich gebannt Richtung Mädchen.
„Ich bin doch keine Erwachsene.“
Ich bekomme Gänsehaut. Möchte zu ihr gehen. Sie umarmen. Festhalten. Beschützen.
„Ich gebe mir Mühe.“
Du Wunder. Murmele ich. Streiche über die Gänsehaut auf meinen Armen. Laufe weiter. Hinaus ins Dunkle. Still durch die Nacht. Mit jedem Schritt weiter weg von ihr, nähert sich ihr mein Herz. Erschüttert über ihr Reflektiert-Sein. Fragend, ob sie durch die Erwartungen der Welt so „reif für ihr Alter“ wurde; es werden musste. Oder ob wir Menschen beim „Erwachsen-werden“ unseren Blick für das Unsichtbare verlieren; aus einem „reifen“, in einen „faulenden“ Zustand stolpern.
Entweder. Oder. Und Beides entsetzt.

Woher du kommst

Und wieder und wieder und wieder. Er steht vor mir. Woher kommst du. – ich atme tief ein. Lächele. Erzähle von (verweigerter) Zugehörigkeit. Von ständiger Thematisierung meines Aussehens. Aber die Frage ist doch berechtigt. – Warum?! Weil du nicht deutsch aussiehst. Und wieder und wieder und wieder. Er steht vor mir. Woher kommst du. – ich atme tief ein. Lächele. Erzähle von „Deutsch-Sein“. Von ständiger Hinterfragung meiner Person. Aber du bist jetzt sehr philosophisch –Und wieder und wieder und wieder. Er steht vor mir.

Ich bin es müde, verdammte scheiße! Ich bin es müde! Was interessiert es dich, wieso ich so aussehe, wie ich aussehe? Mir ist doch auch egal, wieso deine Augen schwarz, deine Haare rot und deine Haut golden ist! Scheiß egal, ist es mir. Was bringt es dir, zu wissen, wieso ich diese Farben der Welt auf mir trage?! Was?! Erkläre es mir doch bitte! Aus Neugierde fragst du? Willst du mich verarschen? Was bringt es deiner Neugierde zu wissen, „woher ich komme“?! Was?! Ich sage es dir: um mich einordnen zu können. Besser greifen zu können. Dinge über mich „wissen“ zu können. Mich in eine Schublade stecken zu können. Mich besitzen zu können. Und hör mir auf mit Wertschätzung und ich soll doch meine „Besonderheit“ akzeptieren! Was soll das bitte? Bitte! Ja, ich bin anders! Ja! Wie jeder Mensch! Gott-sei-Dank! Wollen wir nicht alle individuell sein?! Ich bin anders, weil ich es sein will und nicht weil ich anders geboren wurde! Was soll das überhaupt heißen?! Anders! Anders! So hätten mich meine Eltern wohl eher nennen sollen. Anders.

Das meine ich doch nicht so! Du interpretierst das alles jetzt in meine simple Frage hinein!

– Achja? Dann stell du dir doch mal die Frage, wieso du diese Frage stellst. Wem du sie stellst. Was du nach einer Antwort machst oder denkst. Welchen Zweck diese Frage hat. Und was es bedeutet, diese Frage gestellt zu bekommen, wieder und wieder und wieder. Frag dich. Bitte frag dich. Und lass mich in Ruhe. Bitte, bitte. Geh einfach wieder dahin, woher du kommst.

Martha stinkt

Martha stinkt. Und nicht einfach so – wie Menschen nun einmal stinken. Nein, sie tut es mit der Leidenschaft einer Feuerspuckerin. Aus jeder ihrer Poren dampft es Arroganz, Hochmut und Egoismus. Martha stinkt und flaniert durch die Welt, als sei sie der kaiserliche Rosengarten höchstpersönlich. Und ich, ich torkele so neben ihr her und schaue auf den Boden. Bei der Duftwolke kann ich sie gar nicht verlieren. Immer der Nase nach, ruft der Mann im Ohr, einen Arm Richtung Horizont streckend. Wenn man bedenkt, dass der Zeigefinger auf Martha deutet, verwelkt die Romantik des Horizont-Bildes ganz schnell. Oh, Martha, wie kannst du nur so stinken? frage ich mich und beginne an mir selbst zu schnuppern. In ihrer Duftwolke eingetaucht, kann man sich irgendwann selbst nicht mehr riechen und das macht Angst! Meine Nase beginnt schon zu bluten, Martha! Martha! Du regst mich auf! Was soll das Ganze Getue?! Guck‘ dich nur an, Martha! Du nervst so unheimlich! Fühlst dich ja ach so toll! So einen arroganten, egoistischen, Menschen, wie dich Martha… Martha… Martha? Ach… sag… Wieso folge ich dir eigentlich? frage ich mich und bleibe stehen. Die Luft wird steigend klarer, je mehr Abstand zwischen Martha und mir ist. Die ersten Vögel trauen sich wieder über meinen Kopf, die Blumen am Straßenrand heben langsam wieder ihre Köpfe und ich, ich fülle meine Lungen mit so viel frischer Luft, wie ich nur kann und frage mich, wieso ich nicht schon früher auf die Idee kam, einfach stehenzubleiben. Schön blöd, denke ich, schaue mich um, und schnuppere Erleichterung.

Souverän

Dreh dich, singt es in mir, dreh dich so schnell du kannst. Einmal, zweimal, dreimal, dreh dich, rundherum. Und wird dir schwindelig, singt es in mir, dann schließ die Augen. Schließ sie fest, doch steh nicht still, so singt’s in mir.
Bleib niemals stehen, ganz gleich wie sehr sich alles dreht.
Bleib niemals stehen.