Eilmeldung

Auto rast…
Mann schubst…
Polizeieinsatz…

Und sie poppen auf, diese Nachrichten, eine nach der anderen. Bringen mein Herz zum Rasen. Meine Finger eilen über das Touchfeld meines Telefons. Und während meine Finger das Dokument auf und ab scrollen, scannen meine Augen die Informationen nach Hinweisen ab. Bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht, bitte – Schwarz.

Flüchtling.
Islam.
Terror.
Migrationshintergrund.

Ich schließe meine Augen. Atme tief ein. Tief aus. Sammele Kraft, um die Nachrichten nun im Ganzen zu betrachten. Tief in mir höre ich eine Stimme mich verachtend fragen: Wirklich? Das erste, was du wissen willst, ist, ob es einer von >den Anderen< war? Hoffst insgeheim, dass die Bilder im Artikel etwas anderes zeigen? Dass in der Mitte des Artikels das Wort „Unfall“ frech den Leser anspringt?
Traurig, Saide. Du bist traurig.

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Woher du kommst

Und wieder und wieder und wieder. Er steht vor mir. Woher kommst du. – ich atme tief ein. Lächele. Erzähle von (verweigerter) Zugehörigkeit. Von ständiger Thematisierung meines Aussehens. Aber die Frage ist doch berechtigt. – Warum?! Weil du nicht deutsch aussiehst. Und wieder und wieder und wieder. Er steht vor mir. Woher kommst du. – ich atme tief ein. Lächele. Erzähle von „Deutsch-Sein“. Von ständiger Hinterfragung meiner Person. Aber du bist jetzt sehr philosophisch –Und wieder und wieder und wieder. Er steht vor mir.

Ich bin es müde, verdammte scheiße! Ich bin es müde! Was interessiert es dich, wieso ich so aussehe, wie ich aussehe? Mir ist doch auch egal, wieso deine Augen schwarz, deine Haare rot und deine Haut golden ist! Scheiß egal, ist es mir. Was bringt es dir, zu wissen, wieso ich diese Farben der Welt auf mir trage?! Was?! Erkläre es mir doch bitte! Aus Neugierde fragst du? Willst du mich verarschen? Was bringt es deiner Neugierde zu wissen, „woher ich komme“?! Was?! Ich sage es dir: um mich einordnen zu können. Besser greifen zu können. Dinge über mich „wissen“ zu können. Mich in eine Schublade stecken zu können. Mich besitzen zu können. Und hör mir auf mit Wertschätzung und ich soll doch meine „Besonderheit“ akzeptieren! Was soll das bitte? Bitte! Ja, ich bin anders! Ja! Wie jeder Mensch! Gott-sei-Dank! Wollen wir nicht alle individuell sein?! Ich bin anders, weil ich es sein will und nicht weil ich anders geboren wurde! Was soll das überhaupt heißen?! Anders! Anders! So hätten mich meine Eltern wohl eher nennen sollen. Anders.

Das meine ich doch nicht so! Du interpretierst das alles jetzt in meine simple Frage hinein!

– Achja? Dann stell du dir doch mal die Frage, wieso du diese Frage stellst. Wem du sie stellst. Was du nach einer Antwort machst oder denkst. Welchen Zweck diese Frage hat. Und was es bedeutet, diese Frage gestellt zu bekommen, wieder und wieder und wieder. Frag dich. Bitte frag dich. Und lass mich in Ruhe. Bitte, bitte. Geh einfach wieder dahin, woher du kommst.

Hayat – Tick(en)

Kurz vor meiner Einschulung zogen meine Familie und ich in ein kleines Dorf. Ich übertreibe gerne, wenn ich von der Größe erzähle, aber lang Zeit schien es für mich wirklich so, als gäbe es dort mehr Kühe, als Menschen. Es war ein Traum von Ort um groß zu werden (zumindest solange wie Kühe und Bäume spannend waren). Wir wohnten an einem Waldweg und meine Geschwister und ich verbrachten die meiste Zeit des Tages auf Wiesen und Feldern, im Wald oder auf einem –rückblickend betrachtet- super versifften Spielplatz. Es gab damals noch viele Kinder in der Nachbarschaft, sodass wir nie alleine waren. Die Menschen waren so, wie man sich Dorfmenschen vorstellt: auf der einen Seite super offen und super freundlich, auf der anderen Seite super neugierig und super traditionell. Wir Kinder waren das, was Dorfkinder wohl auch zu sein scheinen: Naturkinder, die das Abenteuer lieben. Was wir alles erlebten! Und wie viel Ärger wir immer bekamen! Löcher im Kopf, Schürfwunden, gebrochene Knochen. Alltag. Wundervoll! Was ich jetzt erst begreife ist, wieso wir immer mehr Ärger, als die Anderen bekamen… Mit „wir“ meine ich meine Geschwister und mich. Zum Beispiel dann, als <Nadja> aus einem (zugegeben sehr risikoreichen) Spiel mit einem Loch im Kopf heraus kam… – oh, ich weiß noch, wie wir nur darauf warteten, dass sich dieses Spektakel herumspricht und alle im Dorf Bescheid wissen… „Hayat – Tick(en)“ weiterlesen

Hayat (II.) – Zitronenmuffin mit Zuckerguss

„Ich heiße Sarah“, grinste sie und strich sich durch ihr wildes Haar. Sarah. Sie mochte diesen Namen. Er war so sanft im Klang, so vertraut. Er strahlte Geborgenheit aus. Wenn er etwas zu Essen wäre, dann ein Zitronenmuffin mit Zuckerguss. Fluffig, leicht, simpel, aber dennoch mit Pfiff. Sarah. Sie lächelte und schob ihre Zunge neben den linken Schneidezahn, genau dahin, wo der rechte noch vor ein paar Tagen war. Jetzt hatte ihn die Zahnfee. Wieso sammelt die eigentlich Zähne? Vielleicht aus demselben Grund, wieso manche Menschen auch Tieren Zähne klauen. Vielleicht macht sie Ketten aus ihnen und verkauft sie. Das ist ein komischer Gedanke, denkt Sarah, wenn jemand mit ihren Zähnen um den Hals herumlaufen würde. Sie schließt nachdenklich ihren Mund und schaut den anderen Kindern nach, wie sie auf das Klettergerüst hüpfen. „Hayat (II.) – Zitronenmuffin mit Zuckerguss“ weiterlesen

Hayat (I.)

Er brüllt Unverständliches und rennt die Straße auf und ab. Sie sitzt auf dem Bordstein und wippt ihren Körper auf und ab. Sie passen nicht in die kühl, wohlige Novembernacht des Moments, stören die Ruhe, die Atmosphäre. Endlich kommt ein grüner Wagen angefahren. Er schmeißt sich vor das Fahrzeug und brüllt Unverständliches. Sie jammert. Sie wurden losgeschickt, weil Unruhe gemeldet wurde. Angekommen, zögern sie nicht länger und steigen aus. Ein Blick genügt. Sie fordern ihn und sie auf, einzusteigen. Blaulicht. Sie sind nervös. Er irgendetwas zwischen wütend, verzweifelt und irgendwie erleichtert. Sie kann nicht aufhören zu weinen.
Angekommen wartet man schon auf sie. Alles geht schnell. So schnell, dass er kaum versteht, was passiert. Sie hat keine Zeit nachzudenken – möchte es auch gar nicht. „Hayat (I.)“ weiterlesen

Hayat – Viagra

Ihre Augen leuchten smaragdgrün und ihr Haar glänzt golden. Belle klimpert mit ihren langen Wimpern. Ich schaue sie gerne an. Die Wangen rosa, die Haut leicht gebräunt vom Urlaub. Neben ihr steht Sweety. Ihre hüftlangen, braun-gefärbten Haare schimmern rötlich in der Nachmittagssonne. Schneeweiß ist ihre Haut – zu weiß, findet sie, zu blass. Ich sehe das nicht so. Vielmehr bewundere ich das kontrastreiche Zusammenspiel der Farben ihres Körpers. Wir gehen spazieren durch die kleine Altstadt, vorbei an schönen Fachwerkhäusern, Gasthäusern mit guter, deutscher Küche und vielen kleinen Läden. Wir schmunzeln über die Spitznamen, die wir uns vor Jahren einmal gegeben hatten. Belle, die Schöne. Sweety, die Süße und Teddy… das bin ich. „Hayat – Viagra“ weiterlesen

Hayat – Kartoffelsalat oder Platzangst

Es gibt solche und solche, sagst du, reißt deine großen Augen auf, die trotz ihrer enormen Größe nicht von deinen vor Empörung bebenden Lippen ablenken können. Es kommen welche hier her, die Null Dankbarkeit zeigen! Da wird denen schon geholfen und die meckern trotzdem. Es gibt welche, die sind gerade einmal ein paar Tage hier und beschweren sich, fragen wo ihr Geld ist, fordern, dass man ihnen endlich hilft. Als würde das so schnell gehen. Die denken, es wird ihnen direkt geholfen, wenn die hier sind. Voll dreist. Musst dir mal vorstellen: die ganzen Sporthallen und Vereinshäuser werden von denen besetzt und die meckern rum, wenn sie halt mal zusammenrücken müssen und Männer und Frauen zusammen in Zimmern schlafen müssen. Es sind halt zu viele. Wir haben halt keinen Platz. „Hayat – Kartoffelsalat oder Platzangst“ weiterlesen