Dezember-Issues

Here, we are again. Dezember, Freunde, Dezember. Ein Monat, der alle issues des Jahres vereint. Er schreit quasi danach, sich endlich um diese Themen zu kümmern, damit das nächste Jahr, ach ja, ja, das begehrte nächste Jahr, anders wird. Vorzüglich natürlich besser. Im Dezember bereitest du streng genommen nicht nur die Feiertage vor, sondern viel mehr auch die issues des nächsten Jahres. So fühlt es sich an, wenn man den perfekten Übergang in eine neue Zeit einleiten möchte. Altes hinter sich lassen und Neues bitte erst am 01.01. beginnen! Dezember. Ein Monat „der Liebe“, charakterisiert durch das Streben nach „Entschleunigung“ bei gleichzeitiger Schaltung in einen höheren Gang. Dezember. Er könnte so schön sein. Wie Juli. Oder Februar. Oktober auch. Oder alle anderen Monate. Dezember. Ich bin mir sicher, wenn er sprechen könnte, würde er sagen, dass er Menschen nie mochte. Dass seine Tage so kurz und sein Wind so kalt sind, weil er Ruhe und Geborgenheit liebt. Er würde lächeln, wenn er von nassem Schneematsch spräche, fasziniert darüber, wie schnell etwas so ästhetisches wie Schnee als ekelig abgestempelt werden könnte. Er würde von schlafenden Tieren erzählen und erwachenden Lichtern. Von müden Farben und zarten Düften. Dezember. Wieso machen wir Menschen aus allem immer so ein Trara. Wieso lassen wir nichts das sein, was es sein möchten, nur weil wir denken, dass es anders sind? Wieso darf Dezember nicht einfach so sein, wie Dezember ist. Still und ruhig. In sich gekehrt. Besinnt und reflektiert. Das heißt nicht, dass wir seine Tage nicht damit nutzen sollen, uns um unsere Themen zu kümmern. Ganz im Gegenteil. Er würde sich wohl freuen, sähe er einen Jeden von uns ins sich gekehrt, still und ruhig, besinnt und reflektiert.

Heute beginnt ein Empowerment Workshop für Menschen mit Rassismuserfahrung, an dem ich teilnehme. Einen besseren Start in diesen besinnlichen Monat, kann ich mir nicht vorstellen! Was machst Du? Womit tust Du Dir gut? Denn darum sollte es gehen. Im Juli. Oder Februar. Oktober auch. Oder allen anderen Monaten.

dm Berlin, 06.11.2017, 17:06 Uhr

„Ich gebe mir Mühe, Mama. Ich bin doch keine Erwachsene.“

Sie hat ihre Hände ausgestreckt. Die Frau, die ihr gegenübersteht, streicht mit Tüchern über die schmalen Finger des Kindes. Sie sind voller Handcreme. Fettig leuchtend. „Ja, aber du bist so ungeschickt!“ Mit meinen Blicken weiß ich nicht wohin. Aber meine Ohren richten sich gebannt Richtung Mädchen.
„Ich bin doch keine Erwachsene.“
Ich bekomme Gänsehaut. Möchte zu ihr gehen. Sie umarmen. Festhalten. Beschützen.
„Ich gebe mir Mühe.“
Du Wunder. Murmele ich. Streiche über die Gänsehaut auf meinen Armen. Laufe weiter. Hinaus ins Dunkle. Still durch die Nacht. Mit jedem Schritt weiter weg von ihr, nähert sich ihr mein Herz. Erschüttert über ihr Reflektiert-Sein. Fragend, ob sie durch die Erwartungen der Welt so „reif für ihr Alter“ wurde; es werden musste. Oder ob wir Menschen beim „Erwachsen-werden“ unseren Blick für das Unsichtbare verlieren; aus einem „reifen“, in einen „faulenden“ Zustand stolpern.
Entweder. Oder. Und Beides entsetzt.

TU Berlin, 07.08.17, 12:42 Uhr

Er blickt lächelnd auf sein Handy. Seine Finger gleiten über das Display. Die kleinen Grübchen über seinen Mundwinkeln hüpfen leicht, als er schmunzelnd aufatmet. Er räuspert sich. Sein Blick bleibt auf dem Display. Ich kann seine Augen nicht erkennen, da die Ränder seiner Brille meinen Augen im Wege stehen. Die weichen Züge seines Gesichts erzählen jedoch mehr, als er sich vielleicht bewusst ist. Ob es wohl ein verliebter Blick ist?, frage ich mich. Oder gibt ihm sein Kumpel gerade Tipps, wie er das Mädchen neben ihm, das fleißig die Tasten ihres Macs drückt, nach ihrer Handynummer fragen könnte. Während ich überlege, schaue ich kurz weg. Als mein Blick erneut sein Gesicht trifft, sind die weichen Züge noch weicher, das angedeutete Lächeln ein Grinsen. Er ist glücklich. Wieso auch immer. Er ist glücklich und irgendwie macht es mich das in aller Unbekanntheit auch.

Berlin, 05.08.17

Es ist wichtig, dass man nicht vergisst, wo seine Wurzeln liegen.

Sie lächelt. Ihre grauen Haaren liegen sanft auf ihren Wangen. Sie schaut ihren jungen Begleiter mit wachen Augen an. Ich bilde mir ein, dass ich sie auf diese Gedanken gebracht habe. Kurz, bevor sie sie in Worte kleidete, hatte sie mich angeschaut. Wahrscheinlich bilde ich es mir ein, murmele ich und denke über ihren Satz nach. Es ist wichtig, dass man nicht vergisst, wo seine Wurzeln liegen… was, wenn man nie erfährt, wo sie vergraben sind? Wenn der Baum schon so alt ist, dass man von der Krone runterblickend nicht mehr den Boden erkennen kann. Und selbst, wenn man ihn sieht, sind die Wurzeln tief vergraben. Unter der Erde. Unsichtbar. Und dennoch weiß jeder, der den Baum erblickt, dass er welche hat – Wurzeln. „Berlin, 05.08.17“ weiterlesen

Berlin, 11.07.17

Ich weiß, ich verlier‘, aber ich kämpf‘ trotzdem! Wenn ich verlier‘, dann nicht gebückt!

Er sitzt gerade. Würde man nicht hören, worüber er spricht, und sich von seiner Brille und seinen weichen Gesichtszügen vereinnahmen lassen, würde man (vor-)urteilend meinen, er erzählt vom letzten Physikexperiment. Seine Freunde sehen ihn lächelnd an. Lächeln muss ich auch. Sehr breit sogar. Breiter dann, als ich höre, dass er 15 ist. 15. Wow. Der Arme denke ich und schaue ihm nach, als er mit seinen Freunden aussteigt. 15 sein, will ich wirklich nicht mehr. Aber diesen Ausspruch mag ich. Sehr. Und insgeheim wünschte ich, ich hätte ihn mit 15 gehört.

Adieu ihr Narren

Lieber Gerd,

ich kann die Augen kaum offen halten. Müde senken sich meine Lider. Meine Hände liegen auf meinem Schoß. Mein Körper schaukelt mal sanft, mal etwas ruppig  hin und her. „Nächster Halt: Braunschweig. Der Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“ Meine Brust hebt und senkt sich sanft. Um mich herum stehen Menschen hektisch auf. Greifen nach ihren Jacken und Taschen, blicken noch ein viertes mal zurück auf ihren Sitz und laufen dann Richtung Ausgang. Das kann ich alles mit geschlossenen Augen wahrnehmen. Wie es wohl wäre, jetzt aufzustehen, einmal laut: ADIEU IHR NARREN! zu rufen und sich dann seelenruhig wieder hinzusetzen? Ach, dieses Spektakel hat hier niemand verdient, denke ich. Am Ende würden sie wohl mich mit ihrer Norm zum Narren halten. Ich sinke etwas tiefer in meinen unbequemen Sitz. Wohin mit diesem Kopf? Er ist so schwer, wenn ich müde bin. Lasst mich schlafen… Ihr könnt auch gerne ein Bild von mir machen, wie ich mich im Wippen des Zuges verliere und dann komische Bildchen ins Bildchen setzen. Was würde man auch sonst im Zuge der Narren tun.

Kann

I’ve been upside down, I don’t wanna be the right way round, can’t find paradise on the ground

Lieber Gerd,

ich habe es geschafft – keine Ahnung, wie, aber ich habe es wirklich geschafft. Es ist April. Die Sonne, sie strahlt mich an, wie der Vater das Kind, das zum ersten Mal ‚Papa’ sagt. Es duftet Blumen, Gegrilltes, frisch gemähtes Gras, Frühling. Ich kann es kaum glauben, Gerd. Ich habe diesen grauen, kalten, einsamen Berlin-Winter überlebt. Es wird endlich wieder heller, wärmer. Jetzt habe ich keine Angst mehr zu weinen. Ich kann es endlich tun, ohne mit dem Blick aus dem Fenster immer tiefer in das Meer meiner Tränen gezogen zu werden. Ich kann weinen und mich von der Schönheit des Frühlings trösten lassen. Ich kann weinen und mich mit einem Blinzeln in die Welt ans wundervolle Leben erinnern. Ich kann weinen. Um sie, die so wichtig für mich war, dass ich fast jede freie Sekunde mit ihr verbrachte und irgendwann den Grund für unser ständiges Zusammensein vergas, taumelnd in Selbstverständlichkeit. Ich kann weinen. Um sie, die ich so vermisse. So, so vermisse. Ich kann weinen. Ich kann. Kann. Und dabei bleibt es. Bei kann. Kann.

All we do is lie and wait, all we do is feel the faith
-Oh Wonder-