Berlin, 05.08.17

Es ist wichtig, dass man nicht vergisst, wo seine Wurzeln liegen.

Sie lächelt. Ihre grauen Haaren liegen sanft auf ihren Wangen. Sie schaut ihren jungen Begleiter mit wachen Augen an. Ich bilde mir ein, dass ich sie auf diese Gedanken gebracht habe. Kurz, bevor sie sie in Worte kleidete, hatte sie mich angeschaut. Wahrscheinlich bilde ich es mir ein, murmele ich und denke über ihren Satz nach. Es ist wichtig, dass man nicht vergisst, wo seine Wurzeln liegen… was, wenn man nie erfährt, wo sie vergraben sind? Wenn der Baum schon so alt ist, dass man von der Krone runterblickend nicht mehr den Boden erkennen kann. Und selbst, wenn man ihn sieht, sind die Wurzeln tief vergraben. Unter der Erde. Unsichtbar. Und dennoch weiß jeder, der den Baum erblickt, dass er welche hat – Wurzeln. „Berlin, 05.08.17“ weiterlesen

Irgendwann, geliebter Freund, irgendwann

Irgendwann, da werde ich vor dir stehen. Ich werde dir in die Augen sehen, meine Stirn in Falten legen, während ich vielleicht Tränen unterdrücken werde. Meine Lippen werden beben, wenn ich dir von Wut erzähle und Sehnsucht. Meine Arme werden ruhig an mir herunter hängen, die Hände vielleicht zu Fäusten geballt. Irgendwann, da werde ich mutig genug sein, dir zu erzählen, dass ich bin, wie ich bin, auch wenn du mir nicht glaubst, ich zu sein. Ich werde dich zurechtweisen, wenn du mich unterbrichst und vielleicht werde ich schreien. Irgendwann, da werde ich zugeben, dass ich zu viel von dir und zu wenig von mir gehalten habe. Ich werde dir erklären, dass das gut ging, weil du alles daran gesetzt hast, mich klein und niedlich zu halten. Ich werde dir von deiner Gewalt erzählen und vielleicht werde ich lachen. Darüber, wie ich dich trotz allem in stillen Momenten gerne in meiner Nähe gehabt hätte. Nicht als Geliebter. Nicht als Lebenspartner. Nein. Als Freund. Es ist nicht schwierig, dich nicht mehr als Geliebten zu lieben, weil wir uns in unserer Liebe zerstört haben. Es ist schwierig, dich nicht mehr als Freund zu lieben, weil unsere Freundschaft stärker war, als jede Liebe, die ich kannte. Dass der Mensch, der mein Geliebter war, nicht mehr da ist, macht mich nicht einsam. Das, was mich einsam macht, ist, dass mit ihm auch der Mensch, der mein bester Freund war, gegangen ist. Irgendwann, da werde ich vor dir stehen. Ich werde dir in die Augen sehen, meine Stirn in Falten legen, während ich vielleicht Tränen unterdrücken werde. Meine Lippen werden beben, wenn ich dir von Wut erzähle und Sehnsucht. Irgendwann. Hörst du? Irgendwann.

Du, ja du

Manchmal liege ich ganz still. Die Hände flach auf meinem Bauch. Mein Blick geht starr ins Leere. Meine Gedanken Hall und Rauch.

Manchmal atme ich ganz ruhig. Mein Brustkorb hebt sich leicht. Die kalte Luft füllt meine Lungen. So viel’s zum Leben reicht.

Manchmal denke ich an dich. Wie du mir sagst, zu liegen. Deine Hände auf meinen Bauch. Mein Geist bereit zu fliegen.

Manchmal rieche ich dich. Im Liegen, beim Atmen und Leben. Hör’ deine Stimme, diesen Klang, warm meine Stimmung heben.

Und manchmal ist es dieser Duft, der mich so schlimm zerfrisst, weil er mir sagt, dass du, ja du, ja doch im Himmel bist.

Berlin, 11.07.17

Ich weiß, ich verlier‘, aber ich kämpf‘ trotzdem! Wenn ich verlier‘, dann nicht gebückt!

Er sitzt gerade. Würde man nicht hören, worüber er spricht, und sich von seiner Brille und seinen weichen Gesichtszügen vereinnahmen lassen, würde man (vor-)urteilend meinen, er erzählt vom letzten Physikexperiment. Seine Freunde sehen ihn lächelnd an. Lächeln muss ich auch. Sehr breit sogar. Breiter dann, als ich höre, dass er 15 ist. 15. Wow. Der Arme denke ich und schaue ihm nach, als er mit seinen Freunden aussteigt. 15 sein, will ich wirklich nicht mehr. Aber diesen Ausspruch mag ich. Sehr. Und insgeheim wünschte ich, ich hätte ihn mit 15 gehört.

Hayat – Tick(en)

Kurz vor meiner Einschulung zogen meine Familie und ich in ein kleines Dorf. Ich übertreibe gerne, wenn ich von der Größe erzähle, aber lang Zeit schien es für mich wirklich so, als gäbe es dort mehr Kühe, als Menschen. Es war ein Traum von Ort um groß zu werden (zumindest solange wie Kühe und Bäume spannend waren). Wir wohnten an einem Waldweg und meine Geschwister und ich verbrachten die meiste Zeit des Tages auf Wiesen und Feldern, im Wald oder auf einem –rückblickend betrachtet- super versifften Spielplatz. Es gab damals noch viele Kinder in der Nachbarschaft, sodass wir nie alleine waren. Die Menschen waren so, wie man sich Dorfmenschen vorstellt: auf der einen Seite super offen und super freundlich, auf der anderen Seite super neugierig und super traditionell. Wir Kinder waren das, was Dorfkinder wohl auch zu sein scheinen: Naturkinder, die das Abenteuer lieben. Was wir alles erlebten! Und wie viel Ärger wir immer bekamen! Löcher im Kopf, Schürfwunden, gebrochene Knochen. Alltag. Wundervoll! Was ich jetzt erst begreife ist, wieso wir immer mehr Ärger, als die Anderen bekamen… Mit „wir“ meine ich meine Geschwister und mich. Zum Beispiel dann, als <Nadja> aus einem (zugegeben sehr risikoreichen) Spiel mit einem Loch im Kopf heraus kam… – oh, ich weiß noch, wie wir nur darauf warteten, dass sich dieses Spektakel herumspricht und alle im Dorf Bescheid wissen… „Hayat – Tick(en)“ weiterlesen

Erwach(s)en

„Hier saß aber vorher niemand oder?“, fragt er, als ich mich ihm gegenüber auf den bequemsten Sessel auf der Welt setze und meine Unterlagen zur Masterarbeit zurecht rücke. Ich schaue ihn verwirrt an. Ich hatte kurz Pause an der frischen Luft gemacht und war noch nicht bereit Informationen zu empfangen, weswegen es etwas dauerte, bis seine Worte für mich Sinn ergaben. „Hier war frei, meine ich?“ „Erwach(s)en“ weiterlesen

Meine Nase läuft für mich mit

Ich höre sie reden, lachen, seufzen. Meine Hände zittern. Mein Gesicht ist nass. Ich sitze auf einem Stuhl im Arbeitszimmer und rutsche irritiert hin und her. Was passiert mit mir? Wieso bin ich hier? Und nicht dort? Bei den anderen? Im Schlafzimmer? Soll ich einfach… ich kann nicht. Meine Augen sind unter Wasser. Mein Körper eingefroren. Meine Nase läuft für mich mit. Ewigkeiten vergehen. Plötzlich kommt Brudi durch die Tür. Er legt seine Hand sanft auf meinen Arm und flüstert, komm’. „Meine Nase läuft für mich mit“ weiterlesen