dm Berlin, 06.11.2017, 17:06 Uhr

„Ich gebe mir Mühe, Mama. Ich bin doch keine Erwachsene.“

Sie hat ihre Hände ausgestreckt. Die Frau, die ihr gegenübersteht, streicht mit Tüchern über die schmalen Finger des Kindes. Sie sind voller Handcreme. Fettig leuchtend. „Ja, aber du bist so ungeschickt!“ Mit meinen Blicken weiß ich nicht wohin. Aber meine Ohren richten sich gebannt Richtung Mädchen.
„Ich bin doch keine Erwachsene.“
Ich bekomme Gänsehaut. Möchte zu ihr gehen. Sie umarmen. Festhalten. Beschützen.
„Ich gebe mir Mühe.“
Du Wunder. Murmele ich. Streiche über die Gänsehaut auf meinen Armen. Laufe weiter. Hinaus ins Dunkle. Still durch die Nacht. Mit jedem Schritt weiter weg von ihr, nähert sich ihr mein Herz. Erschüttert über ihr Reflektiert-Sein. Fragend, ob sie durch die Erwartungen der Welt so „reif für ihr Alter“ wurde; es werden musste. Oder ob wir Menschen beim „Erwachsen-werden“ unseren Blick für das Unsichtbare verlieren; aus einem „reifen“, in einen „faulenden“ Zustand stolpern.
Entweder. Oder. Und Beides entsetzt.

Frohes Ein-Jähriges, Schnegge und Danke für Euch

Heute haben wir einjähriges, mein Blog und ich; darauf hat mich zumindest WordPress netterweise hingewiesen. Ich bin sprachlos. Mein Atmen stockt. Mein Herz klopft. Nicht vor Aufregung und Freude. Nein. Viel mehr, weil ich mich daran erinnere, wie ich diesen Blog hier gestartet habe. Versunken in meinem Kopf. Ich habe mich gezwungen, mich zu registrieren. Zu schreiben. Zu schreiben. Zu schreiben. Alles aus meinem Kopf heraus zu zerren. Irgendwie hatte ich das Gefühl, so ein Blog ist verbindlich. Auch wenn ihn keiner liest. Er existiert. In den Weiten des Internets. Ein zu Hause für meine Gedanken. Ganz egal, ob Besuch kommt oder nicht. Es könnte ja… ganz unangekündigt… und dann muss alles ordentlich sein. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, einen Ort zu kreieren, in dem Gedachtes geboren werden und leben kann. Ein Ort, den ich betreten und vor allem verlassen kann. So entstand er, mein Blog. Und ich muss sagen… ich bin ganz stolz. Wenn ich jetzt so schaue, was für eine Saide hier tippt. Das schaut doch ganz gut aus 🙂 In dem Sinne:
Frohes Ein-Jähriges, Schnegge.

Ach… und ja… es kümmert mich wirklich herzlich wenig, wie viele Menschen diesen Blog lesen, aber in manch Einen habe ich einen (wenn auch imaginierten) Freund gefunden – meist auch, weil ich andere Gedanken lesen durfte und sie mir stets nahe gehen, mich berühren und ermutigen, diese Welt auch mal schwarz-weiß, aber doch auch in ihren wirklichen, nicht vom Menschen beeinflussten Farben zu sehen. Danke für Euch.

TU Berlin, 07.08.17, 12:42 Uhr

Er blickt lächelnd auf sein Handy. Seine Finger gleiten über das Display. Die kleinen Grübchen über seinen Mundwinkeln hüpfen leicht, als er schmunzelnd aufatmet. Er räuspert sich. Sein Blick bleibt auf dem Display. Ich kann seine Augen nicht erkennen, da die Ränder seiner Brille meinen Augen im Wege stehen. Die weichen Züge seines Gesichts erzählen jedoch mehr, als er sich vielleicht bewusst ist. Ob es wohl ein verliebter Blick ist?, frage ich mich. Oder gibt ihm sein Kumpel gerade Tipps, wie er das Mädchen neben ihm, das fleißig die Tasten ihres Macs drückt, nach ihrer Handynummer fragen könnte. Während ich überlege, schaue ich kurz weg. Als mein Blick erneut sein Gesicht trifft, sind die weichen Züge noch weicher, das angedeutete Lächeln ein Grinsen. Er ist glücklich. Wieso auch immer. Er ist glücklich und irgendwie macht es mich das in aller Unbekanntheit auch.

Du, ja du

Manchmal liege ich ganz still. Die Hände flach auf meinem Bauch. Mein Blick geht starr ins Leere. Meine Gedanken Hall und Rauch.

Manchmal atme ich ganz ruhig. Mein Brustkorb hebt sich leicht. Die kalte Luft füllt meine Lungen. So viel’s zum Leben reicht.

Manchmal denke ich an dich. Wie du mir sagst, zu liegen. Deine Hände auf meinen Bauch. Mein Geist bereit zu fliegen.

Manchmal rieche ich dich. Im Liegen, beim Atmen und Leben. Hör’ deine Stimme, diesen Klang, warm meine Stimmung heben.

Und manchmal ist es dieser Duft, der mich so schlimm zerfrisst, weil er mir sagt, dass du, ja du, ja doch im Himmel bist.

Realitätsfern

Das laute Gemurmel murmelt mich ein. Taucht mich in Gedanken. Ich verliere meinen Fokus, schwimme in Erinnerungen, paddle in Fragen. Ich glaube, ich bin traurig. – wenn ich hier so glücklich sitze, umhüllt in meinen dicken, weichen Schal, Kaffee in der einen, ein Buch in der anderen Hand. Ja, ich glaube, ich bin traurig. – In aller Zufriedenheit und Ruhe des jetzigen Wohlfühlmoment. In jeder Sekunde, in der ich in mich hinein lächele, glücklich, stolz noch immer zu stehen, so viel erreicht und geschafft zu haben. Ja, ich glaube, ich bin traurig. – wenn ich schmunzelnd überlege, dass ich die Verfilmung meines Lebens nie anschauen würde, weil ich so viel Herzschmerz, zufällige Glückssituationen, Psychosspielchen, wahre Freundschaft, Intrigen und Stark-Sein anstrengend finde. Anstrengend und so realitätsfern. Ja, ich bin traurig. Dass mein Leben so unrealistisch ist. Oder, dass jeder mir so verhasste Film, so nah an der Realität ist, dass ich die Geschichten nicht an mich heranlassen möchte und sie für anstrengend und realitätsfern erkläre. Wie mein Leben. Ja, wie mein Leben. Mein Leben ist realitätsfern. Realitätsfern. In all seiner Schönheit. In all seiner Aufregung. In all seinen Farben. In all seiner Realität.

Gedankenflanieren

Lieber Gerd,

Ich sitze seit einigen Stunden in einem Café und arbeite. Um mich herum sind viele Menschen, manche vertieft in Bücher, andere im Handywahn. Ich kann durch ein großes Fenster schauen und auf eine leuchtende Straße blicken. Berlin ist nachts irgendwie schöner. Ich wüsste gerne wieso. Obwohl ich ein kleiner Schisser bin und Angst im Dunkeln habe, liebe ich es spät abends aus dem Haus zu gehen und durch die Welt zu flanieren. Flanieren. Das ist eines meiner Lieblingswörter. Flanieren. Wie kann ein Wort nur so gemacht für seine Bedeutung sein? Flanieren. Ja, ich flaniere gerne. Draußen und im Kopf. Gedankenflanieren. Es ist Wahnsinn, was man dabei alles entdeckt. Man – naja, wohl eher ich. Wenn ich so durch mein Sein flaniere, begegne ich haarigen Nacktkatzen, Maulwürfen mit einer Sehstärke von 100%, bellenden Vögeln, schnurrenden Fischen und manchmal auch Dir – in Form von einer haarigen Nacktkatzen, einem Maulwurf mit einer Sehstärke von 100%, einem bellenden Vogel, einem schnurrenden Fisch und manchmal auch Dir. Einfach nur Dir. Das gefällt mir am Wenigsten. Das ist zu simpel. Da kann ich gar nicht in Interpretationswahn verfallen. Ich meine, wenn Du mir als Du begegnest, ist ja alles klar. Aber was willst Du bitte in Form eines bettelnden Kaiserpinguins? Das eröffnet doch ganz neue Dimensionen. Ich mag neue Dimensionen. Fast so sehr wie das Flanieren im Dunkeln. Und so schließt sich der Kreis. Oder auch nicht. Zumindest schließt sich etwas und das müsste uns Beiden ja wohl klar sein.

Lass‘ mich wieder taumeln

Sie sieht mich nicht gerne an, wenn ich so aufgebracht bin. Bestürzt, mitleidig und ja, fast schon etwas kopfschüttelnd senkt sie ihren Blick. Sie erträgt mich nicht. Zählt die Sekunden, bis ich wieder ruhig bin. Es ist nicht so, dass ich es nicht mitbekomme. Im Gegenteil. Ich sehe sie nervös mit dem linken Fuß tippeln und vor sich hin brummeln, ich solle doch bitte, bitte, bitte einfach loslassen. Loslassen, sagst du, grummele ich. Wie denn? Bei so viel Ignoranz und Ungerechtigkeit. Es wird sich nie etwas ändern. Ich schlage die Hand auf den Tisch. Jetzt hebt sie den Blick. Und während sie sich umdreht und mich verlässt, höre ich sie noch flüstern: So bestimmt nicht, Saide, so bestimmt nicht. Es sticht, so schlimm, mein Herz und bevor mein Verstand begreifen kann, zittert mein Körper vor Kälte, flehend, sie zurückzurufen. Ich verstehe. Ja, ich verstehe, setze mich an den Tisch, nehme ein Stift, ein Blatt Papier und schreibe ihr:

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