Bittersüß

Nur weil unsere Worte bitter sein mögen, müssen es nicht auch unsere Zungen sein. Vergiss das nicht, wenn Dir jemand sagt, dass Deine Worte diskriminierend oder rassistisch sind. Dein Gegenüber ist nicht sensibel oder überempfindlich, sondern stellt unsere „Normalität“ in Frage. Es geht nicht um bzw. gegen Dich oder Deine subjektive Einstellung. Es geht um Sprache. Sprache, die uns anerzogen wird und die unsere Realität konstruiert; die nicht von uns gesprochen wird, sondern UNS spricht*. Denn Worte kreieren Wahrheit. Falsche Worte, falsche Wahrheiten. Niemand wirft „wie ein Mädchen“, ist hart „wie ein Kerl“, tanzt „wie ein Schwuler“ oder sieht aus „wie eine Lesbe“. Und ja, Freund*inne des Lebens, „den Muslim“ gibt es auch nicht. Worte sind Konstrukte und sie als solche wahrzunehmen ist höllisch unbequem – weniger aber, wenn wir uns klar machen, dass sie von uns zu trennen sind und wir sie dekonstruieren, uns von ihnen lösen können. Distanzieren. Entfernen. Unbequem werden, um frei zu werden und vor allem frei werden ZU LASSEN. Lasst uns uns unsere Zungen versüßen; nicht nur, um einmal einen Moment unsere bitteren Worte zum Schweigen zu bringen. Viel mehr, um unsere persönliche und wahre Süße zu schmecken, sie zu genießen und festzuhalten. Uns an sie zu erinnern, wenn es unbequem wird und auf sie zu vertrauen, wenn es heißt, einfach einmal etwas auszuhalten. Es gibt Menschen, die es sich nicht aussuchen können, da sie täglich fremd konstruiert werden. Aus nicht verstehen (können) kann immer verstehen (wollen) werden. Der erste Schritt ist, sich in seiner Sprache irritieren zu lassen.

*“Die Sprache spricht seine Sprecher“, das sagte einmal ein Mensch, den ich sehr achte und dessen Gedanken mich zu diesem unbequemen, aber befreienden Blickwinkel ermutigten. Falls Du das lesen solltest: Danke für Dich.

dm Berlin, 06.11.2017, 17:06 Uhr

„Ich gebe mir Mühe, Mama. Ich bin doch keine Erwachsene.“

Sie hat ihre Hände ausgestreckt. Die Frau, die ihr gegenübersteht, streicht mit Tüchern über die schmalen Finger des Kindes. Sie sind voller Handcreme. Fettig leuchtend. „Ja, aber du bist so ungeschickt!“ Mit meinen Blicken weiß ich nicht wohin. Aber meine Ohren richten sich gebannt Richtung Mädchen.
„Ich bin doch keine Erwachsene.“
Ich bekomme Gänsehaut. Möchte zu ihr gehen. Sie umarmen. Festhalten. Beschützen.
„Ich gebe mir Mühe.“
Du Wunder. Murmele ich. Streiche über die Gänsehaut auf meinen Armen. Laufe weiter. Hinaus ins Dunkle. Still durch die Nacht. Mit jedem Schritt weiter weg von ihr, nähert sich ihr mein Herz. Erschüttert über ihr Reflektiert-Sein. Fragend, ob sie durch die Erwartungen der Welt so „reif für ihr Alter“ wurde; es werden musste. Oder ob wir Menschen beim „Erwachsen-werden“ unseren Blick für das Unsichtbare verlieren; aus einem „reifen“, in einen „faulenden“ Zustand stolpern.
Entweder. Oder. Und Beides entsetzt.