dm Berlin, 06.11.2017, 17:06 Uhr

„Ich gebe mir Mühe, Mama. Ich bin doch keine Erwachsene.“

Sie hat ihre Hände ausgestreckt. Die Frau, die ihr gegenübersteht, streicht mit Tüchern über die schmalen Finger des Kindes. Sie sind voller Handcreme. Fettig leuchtend. „Ja, aber du bist so ungeschickt!“ Mit meinen Blicken weiß ich nicht wohin. Aber meine Ohren richten sich gebannt Richtung Mädchen.
„Ich bin doch keine Erwachsene.“
Ich bekomme Gänsehaut. Möchte zu ihr gehen. Sie umarmen. Festhalten. Beschützen.
„Ich gebe mir Mühe.“
Du Wunder. Murmele ich. Streiche über die Gänsehaut auf meinen Armen. Laufe weiter. Hinaus ins Dunkle. Still durch die Nacht. Mit jedem Schritt weiter weg von ihr, nähert sich ihr mein Herz. Erschüttert über ihr Reflektiert-Sein. Fragend, ob sie durch die Erwartungen der Welt so „reif für ihr Alter“ wurde; es werden musste. Oder ob wir Menschen beim „Erwachsen-werden“ unseren Blick für das Unsichtbare verlieren; aus einem „reifen“, in einen „faulenden“ Zustand stolpern.
Entweder. Oder. Und Beides entsetzt.

Vor lauter Bäumen

Wir machen uns gegenseitig wütend, bringen unsere Nächsten zum Verzweifeln, nerven uns und treiben einander in den Wahnsinn – jeder von uns mit seiner ganz speziellen Art. Wir streiten, schreien oder schweigen uns an. Rollen die Augen, schütteln unsere Köpfe – können das Benehmen des jeweiligen Anderen nicht begreifen. Wir strengen uns gegenseitig an. Laufen von Kompromiss zu Stolz, fühlen uns vor den Kopf gestoßen, machen kein Halt vor Privatssphäre. Wir tadeln uns und zu Zeiten meiden wir gemeinsame Wege – bis dann diese Momente kommen, in denen einer von uns fällt, sich vom Leben vergessen und verletzt fühlt und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Diese Momente, in denen wir das Gefühl haben, zu scheitern, zu versagen, gänzlich alleine zu sein. Diese Momente, in denen wir uns nach einem Blick, einem Wort, einer Bewegung in den Armen grenzenloser Liebe, endloser Geduld und ewiger Geborgenheit wiederfinden – uns daran erinnernd, dass Familie zu den Dingen gehört, die im Dunkeln am Hellsten leuchten; solange, bis wir die Kraft und den Mut haben wieder für uns selbst zu leuchten und durch den dicht bewachsenen, facettenreichen Wald zu gehen. Vielleicht, ja vielleicht erkennen wir sogar in diesen Momenten, dass wir auch so ein Wald sind – ein Wald, den man manchmal vor lauter Bäumen nicht sieht.