Eng und schwer und nackt

Ich ziehe mich aus. Alles muss abgelegt werden. Mein Höschen darf ich anlassen. Ich halte meine Brüste mit meinen Händen fest und lasse mir in das Brautkleid helfen. ,,Woher kommst du?“, fragt die Verkäuferin. ,,Aus dem Süden Deutschlands“, murmele ich und schaue, ob meine Brüste auch richtig in den Cups liegen. ,,Nein. Das meine ich nicht. Woher du kommst, meine ich“, sagt sie und knöpft mir das Kleid zu. Puh, etwas eng, denke ich. Die Luft bleibt mir aber nicht deswegen weg. ,,Also richtig, meine ich. Woher du richtig kommst.“ Ich atme tief ein – so tief es eben geht in diesem eng-geschnürten Kleid. ,,Wieso ich so aussehe, meinst Du?“ ,,Nein! Um Gottes Willen, du siehst doch zauberhaft aus.“ Ich streiche mit meinen Händen über das weiße Kleid. Wie es wohl an mir aussieht? Sie zupft weiter an mir herum. Das Kleid soll gut sitzen. ,,Also deine Eltern. Woher kommen die?“ ,,Achso“, sage ich, ,, die kommen aus Oberbayern.“ ,,Oke, aber ursprünglich“, betont sie. Ich frage mich, wie viele Knöpfe dieses Kleid wohl hat. Und ob ich es überhaupt an mir sehen will. Bequem ist es nicht. ,,Wissen wir nicht“, murmele ich. ,,Wie das wisst ihr nicht?!“ fragt sie erstaunt und lässt mich für einen Moment los. ,,Ja, wissen wir nicht. Unsere Familiengeschichte ist voller Fluchtmigration und Assimilation. Wir wissen nicht wo ‚der Ursprung‘ ist.“ ,,Echt? Gar keine Anhaltspunkte?!“ Ich schaue sie kurz an und zucke die Schultern. Das Kleid fühlt sich schwer an. ,,Nö. Keine Ahnung. Oberbayern halt.“ Sage ich und werde ungeduldig. Wenn es auch am Tag der Hochzeit so lange dauert, bis ich dieses Kleid anhabe, dann ciao. ,,Na, das ist aber spannend.“ lächelt sie. Wow, denke ich und meine damit nicht das Kleid, das ich nun endlich ansehen darf. Das ist ganz hübsch, aber sehr eng und schwer und nackt.

Zugehörigkeiten und mehr

Es war ein seidigersamstag vergangenen Samstag und Du weißt, was das bedeutet: eine neue Folge in der Podcast-Reihe „Die von Aladin erzählt“ auf meinem soundcloud Profil. Wut und Tempo leiten den dritten Beitrag ein. Zugehörigkeiten, Alltagsrassismus und (Neu)GIER – gönn‘ mir und gönn‘ Dir 🙂 Unten findest Du einen der Texte, den ich (be)spreche. Lass‘ mich gerne wissen, wie Dir der neue Beitrag gefällt! Machst Du ähnliche Erfahrungen? Oder hast Du eine ganz andere Sicht auf die Dinge, die ich zu beschreiben versuche? Ich freue mich, über Deine Gedanken! 🙂

Immer wieder hab‘ ich versucht, dich zufrieden zu stellen, nicht anders zu sein, und wenn anders, dann so anders, wie du mich anders haben wolltest. Anders anders. Ich habe die Sprache meiner Eltern zum Schweigen gebracht, solange bis du sie von mir hören wolltest, weil sie „so schön“ ist. Ich habe meiner community den Rücken zugekehrt, weil du sagtest, ich bräuchte „deutsche Freunde“, nur um unter ihnen dann die außererwählte Quote zu sein. Die andere Andere, die immer anders bleibt, aber eben anders anders. Intergiert. „Angekommen“. „Zivilisiert“. „Modern“. So wie du aber halt anders. Ich habe gekämpft dafür gleich zu sein, indem ich alles, was du als anders sahst, auf Abstand hielt. Solange, bis du es von mir sehen wolltest, weil es „so schön anders“ war. Obwohl es gar nicht zu mir passte. Wenig anders war genauso falsch wie zu viel. Und so war ich anders in Momenten, in denen du es erwartetest und nicht anders, wenn anders sein nicht gut war. Und jetzt, wo ich gerne so sein will, wie ICH eben bin – und sei es ebenfalls anders, aber eben anders anders als du es gerne anders hättest – jetzt, jetzt ist alles und bin ich verloren. War ich doch auf einem guten Weg und glänzte mit meiner guten Andersatigkeit, bin ich nun anders geworden. Fremd geworden. Und nicht das gute Fremd, das schöne. Nein. Eben anders.

Kontext

Es sei still um mich geworden, sagen Menschen um mich herum. Ich kann sie bei dem lauten Getöse der Welt nicht verstehen. So konzentriert ich auch auf ihre Worte lausche, schreit es aggressiv von allen Seiten zurück.

Still?

Ich hebe meinen Blick von ihren Worten und schaue in ihre Gedanken. Sie sind Menschen, die sich echauffieren über alles, was seit Jahren so geschieht und mit den Jahren an Brisanz zunimmt. Menschen, die den Kopf schütteln, wenn diskutiert wird, wie diskutiert wird, gesagt wird, was gesagt wird. Menschen, die wütend werden und vielleicht sogar verzweifeln, weil so viel im Moment wütend macht und verzweifeln lässt. Menschen, die laut sind, wenn so viele schweigen.

Still?

Das kann es für sie werden. So laut es auch um sie herum ist und so laut sie auch zurück schreien. Wenn es still sein soll, kann es es sein. Für sie. Wenn es aufhören soll, dieses ewige Zerdenken, und wenn nur für einen Moment, kann es es. Für sie. Leise werden. Still sein.

Um mich herum sei es still geworden, sagen Menschen um mich herum. Ich kann sie bei dem lauten Getöse der Welt nicht verstehen. So konzentriert ich auch auf ihre Worte lausche, schreit es aggressiv von allen Seiten zurück. So laut, dass ich manchmal nicht mehr schreiben kann. Denn wenn Stille auch wichtig ist, ist sie immer, vor allem jedoch in diesen Zeiten und diesen Kontexten, ein mir verschlossen bleibendes Privileg.

Sensibel

Ich bin es, wenn ich so sage, was ich sage, sagen andere. Wenn ich auf Dinge reagiere, auf die es nicht zu reagieren gilt, nur weil andere anders reagieren. Sensibel.

Ich bin es, wenn ich denke, was ich denke, denken andere. Wenn ich immer eine Antwort habe, obwohl es keine Frage gab, erklären sie. Sensibel.

Ich bin es.
Sagen andere.
Denken andere.
Erklären andere.
Sensibel.
Sind andere, wenn sie so den Drang verspüren, mir meine Sensibilität abzusprechen. Sensibel.
Lieber wie ich, als sie.
Sage ich.
Denke ich.
Erkläre ich.
Sensibel.

Dear Teen Me

Dear Teen Me,

I know, life sucks these times and you‘re sitting, waiting, wishing for better days. I know, what makes you happy and keep on going, is picturing yourself in your mid 20s: Independent and having great hair and a perfect body.

Honey, age won‘t change anything. Shifts of dependency will always make you think, you‘re not Independent. And you will always struggle with your body no matter how much weight you‘ll loose, because it is your head that weighs way too much. Your hair will always be anything but straight and it will always be difficult to „totally get“ your curls. „Dear Teen Me“ weiterlesen