Eilmeldung

Auto rast…
Mann schubst…
Polizeieinsatz…

Und sie poppen auf, diese Nachrichten, eine nach der anderen. Bringen mein Herz zum Rasen. Meine Finger eilen über das Touchfeld meines Telefons. Und während meine Finger das Dokument auf und ab scrollen, scannen meine Augen die Informationen nach Hinweisen ab. Bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht, bitte – Schwarz.

Flüchtling.
Islam.
Terror.
Migrationshintergrund.

Ich schließe meine Augen. Atme tief ein. Tief aus. Sammele Kraft, um die Nachrichten nun im Ganzen zu betrachten. Tief in mir höre ich eine Stimme mich verachtend fragen: Wirklich? Das erste, was du wissen willst, ist, ob es einer von >den Anderen< war? Hoffst insgeheim, dass die Bilder im Artikel etwas anderes zeigen? Dass in der Mitte des Artikels das Wort „Unfall“ frech den Leser anspringt?
Traurig, Saide. Du bist traurig.

„Eilmeldung“ weiterlesen

Berlin, 05.08.17

Es ist wichtig, dass man nicht vergisst, wo seine Wurzeln liegen.

Sie lächelt. Ihre grauen Haaren liegen sanft auf ihren Wangen. Sie schaut ihren jungen Begleiter mit wachen Augen an. Ich bilde mir ein, dass ich sie auf diese Gedanken gebracht habe. Kurz, bevor sie sie in Worte kleidete, hatte sie mich angeschaut. Wahrscheinlich bilde ich es mir ein, murmele ich und denke über ihren Satz nach. Es ist wichtig, dass man nicht vergisst, wo seine Wurzeln liegen… was, wenn man nie erfährt, wo sie vergraben sind? Wenn der Baum schon so alt ist, dass man von der Krone runterblickend nicht mehr den Boden erkennen kann. Und selbst, wenn man ihn sieht, sind die Wurzeln tief vergraben. Unter der Erde. Unsichtbar. Und dennoch weiß jeder, der den Baum erblickt, dass er welche hat – Wurzeln. „Berlin, 05.08.17“ weiterlesen

Hayat – Tick(en)

Kurz vor meiner Einschulung zogen meine Familie und ich in ein kleines Dorf. Ich übertreibe gerne, wenn ich von der Größe erzähle, aber lang Zeit schien es für mich wirklich so, als gäbe es dort mehr Kühe, als Menschen. Es war ein Traum von Ort um groß zu werden (zumindest solange wie Kühe und Bäume spannend waren). Wir wohnten an einem Waldweg und meine Geschwister und ich verbrachten die meiste Zeit des Tages auf Wiesen und Feldern, im Wald oder auf einem –rückblickend betrachtet- super versifften Spielplatz. Es gab damals noch viele Kinder in der Nachbarschaft, sodass wir nie alleine waren. Die Menschen waren so, wie man sich Dorfmenschen vorstellt: auf der einen Seite super offen und super freundlich, auf der anderen Seite super neugierig und super traditionell. Wir Kinder waren das, was Dorfkinder wohl auch zu sein scheinen: Naturkinder, die das Abenteuer lieben. Was wir alles erlebten! Und wie viel Ärger wir immer bekamen! Löcher im Kopf, Schürfwunden, gebrochene Knochen. Alltag. Wundervoll! Was ich jetzt erst begreife ist, wieso wir immer mehr Ärger, als die Anderen bekamen… Mit „wir“ meine ich meine Geschwister und mich. Zum Beispiel dann, als <Nadja> aus einem (zugegeben sehr risikoreichen) Spiel mit einem Loch im Kopf heraus kam… – oh, ich weiß noch, wie wir nur darauf warteten, dass sich dieses Spektakel herumspricht und alle im Dorf Bescheid wissen… „Hayat – Tick(en)“ weiterlesen