Anderser

Ich bin ein Sein, das jeden Augenschlag seine Konturen verändern, niemals jedoch verloren gehen kann. Wieso macht Dir das so Sorgen? Ist mein Sein so anders als Deins? Und sind es nicht auch andere Seins? Anders als Deins? Oder ist meins mehr? Anderser? Wenn alle anders sind, wieso falle ich noch auf? Bin ich so anders? Oder mehr? Anderser?

Mein Sein ist nicht wie Deins, wie könnte es auch? Ja, ich sehe das Andere in mir. Denn während mein Sein seine Konturen von mir gezeichnet und von Dir wegradiert bekommt, ist Deins ein Sein, das sein kann.

Kontext

Es sei still um mich geworden, sagen Menschen um mich herum. Ich kann sie bei dem lauten Getöse der Welt nicht verstehen. So konzentriert ich auch auf ihre Worte lausche, schreit es aggressiv von allen Seiten zurück.

Still?

Ich hebe meinen Blick von ihren Worten und schaue in ihre Gedanken. Sie sind Menschen, die sich echauffieren über alles, was seit Jahren so geschieht und mit den Jahren an Brisanz zunimmt. Menschen, die den Kopf schütteln, wenn diskutiert wird, wie diskutiert wird, gesagt wird, was gesagt wird. Menschen, die wütend werden und vielleicht sogar verzweifeln, weil so viel im Moment wütend macht und verzweifeln lässt. Menschen, die laut sind, wenn so viele schweigen.

Still?

Das kann es für sie werden. So laut es auch um sie herum ist und so laut sie auch zurück schreien. Wenn es still sein soll, kann es es sein. Für sie. Wenn es aufhören soll, dieses ewige Zerdenken, und wenn nur für einen Moment, kann es es. Für sie. Leise werden. Still sein.

Um mich herum sei es still geworden, sagen Menschen um mich herum. Ich kann sie bei dem lauten Getöse der Welt nicht verstehen. So konzentriert ich auch auf ihre Worte lausche, schreit es aggressiv von allen Seiten zurück. So laut, dass ich manchmal nicht mehr schreiben kann. Denn wenn Stille auch wichtig ist, ist sie immer, vor allem jedoch in diesen Zeiten und diesen Kontexten, ein mir verschlossen bleibendes Privileg.

Bittersüß

Nur weil unsere Worte bitter sein mögen, müssen es nicht auch unsere Zungen sein. Vergiss das nicht, wenn Dir jemand sagt, dass Deine Worte diskriminierend oder rassistisch sind. Dein Gegenüber ist nicht sensibel oder überempfindlich, sondern stellt unsere „Normalität“ in Frage. Es geht nicht um bzw. gegen Dich oder Deine subjektive Einstellung. Es geht um Sprache. Sprache, die uns anerzogen wird und die unsere Realität konstruiert; die nicht von uns gesprochen wird, sondern UNS spricht*. Denn Worte kreieren Wahrheit. Falsche Worte, falsche Wahrheiten. Niemand wirft „wie ein Mädchen“, ist hart „wie ein Kerl“, tanzt „wie ein Schwuler“ oder sieht aus „wie eine Lesbe“. Und ja, Freund*inne des Lebens, „den Muslim“ gibt es auch nicht. Worte sind Konstrukte und sie als solche wahrzunehmen ist höllisch unbequem – weniger aber, wenn wir uns klar machen, dass sie von uns zu trennen sind und wir sie dekonstruieren, uns von ihnen lösen können. Distanzieren. Entfernen. Unbequem werden, um frei zu werden und vor allem frei werden ZU LASSEN. Lasst uns uns unsere Zungen versüßen; nicht nur, um einmal einen Moment unsere bitteren Worte zum Schweigen zu bringen. Viel mehr, um unsere persönliche und wahre Süße zu schmecken, sie zu genießen und festzuhalten. Uns an sie zu erinnern, wenn es unbequem wird und auf sie zu vertrauen, wenn es heißt, einfach einmal etwas auszuhalten. Es gibt Menschen, die es sich nicht aussuchen können, da sie täglich fremd konstruiert werden. Aus nicht verstehen (können) kann immer verstehen (wollen) werden. Der erste Schritt ist, sich in seiner Sprache irritieren zu lassen.

*“Die Sprache spricht seine Sprecher“, das sagte einmal ein Mensch, den ich sehr achte und dessen Gedanken mich zu diesem unbequemen, aber befreienden Blickwinkel ermutigten. Falls Du das lesen solltest: Danke für Dich.

Eilmeldung

Auto rast…
Mann schubst…
Polizeieinsatz…

Und sie poppen auf, diese Nachrichten, eine nach der anderen. Bringen mein Herz zum Rasen. Meine Finger eilen über das Touchfeld meines Telefons. Und während meine Finger das Dokument auf und ab scrollen, scannen meine Augen die Informationen nach Hinweisen ab. Bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht, bitte – Schwarz.

Flüchtling.
Islam.
Terror.
Migrationshintergrund.

Ich schließe meine Augen. Atme tief ein. Tief aus. Sammele Kraft, um die Nachrichten nun im Ganzen zu betrachten. Tief in mir höre ich eine Stimme mich verachtend fragen: Wirklich? Das erste, was du wissen willst, ist, ob es einer von >den Anderen< war? Hoffst insgeheim, dass die Bilder im Artikel etwas anderes zeigen? Dass in der Mitte des Artikels das Wort „Unfall“ frech den Leser anspringt?
Traurig, Saide. Du bist traurig.

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