Verwehen

Stille Nacht Heilige Nacht Alles schläft
Doch sie, sie wacht.
Kühler Wind Sanfter Wind Küsst es zart
Das Menschenkind
Lass mich los Lass mich gehen In dem Winde still

Verwehen.

Du, ja du

Manchmal liege ich ganz still. Die Hände flach auf meinem Bauch. Mein Blick geht starr ins Leere. Meine Gedanken Hall und Rauch.

Manchmal atme ich ganz ruhig. Mein Brustkorb hebt sich leicht. Die kalte Luft füllt meine Lungen. So viel’s zum Leben reicht.

Manchmal denke ich an dich. Wie du mir sagst, zu liegen. Deine Hände auf meinen Bauch. Mein Geist bereit zu fliegen.

Manchmal rieche ich dich. Im Liegen, beim Atmen und Leben. Hör’ deine Stimme, diesen Klang, warm meine Stimmung heben.

Und manchmal ist es dieser Duft, der mich so schlimm zerfrisst, weil er mir sagt, dass du, ja du, ja doch im Himmel bist.

03:11

Lieber Gerd,

Fast zwanghaft setze ich in langen Nächten Dokumente mit meinen Gedanken auf. Schwarz auf weiß, so muss ich sie sehen. Wie sich die Buchstaben in das weiße Papier festsetzen, bereit, sich auf ewig in den Fasern festzuhalten. Manchmal scheint es mir, als würde ich Formen erkennen, wenn ich ohne jeglichen Gedanken auf das Geschriebene starre. Formen, Bilder, Muster. Ohne die Zeilen zu lesen, ohne gewisse Zeilen zu fixieren, ohne in Zeilen zu gehen – ohne. Schlaf. Wenn ich aus dem Küchenfenster schaue, kann ich in die Fenster des gegenüberliegenden Gebäudes schauen. Alle Lichtern sind aus. Im dritten Stock flimmert der Full HD Fernseher in XXL. Nein, ich kann nicht sagen, wie viel Zoll das sind. Aber ich kann sagen, das Ding ist ein Tier. Ein Unding. Genauso wie das, was im Moment läuft. Kurze, abgehackte Szenen mit verstörenden Nahaufnahmen von Menschen, die sich selbst verloren haben und im Wahn untergehen. Um das zu erkennen, braucht man keinen Ton. Das geht auch ohne. Ohne Hintergrundmusik, ohne Stimmen, ohne Geräusche – ohne. Schlaf. Jetzt ist er aus. Der Fernseher. Das Gebäude gegenüber eingetaucht in tiefes Schwarz. Schaut jetzt jemand auf das gegenüberliegende Gebäude, ganz unbemerkt, so sieht er ein helles Fenster. Ein Mensch sitzt an einem Laptop. Das könnte er problemlos erkennen. Ohne durch das Fenster steigen zu müssen. Ohne mein Gesicht zu lesen. Ohne wirklich da zu sein – ohne. Schlaf.

Einfach Nö 

In fünf Stunden klingelt mein Wecker. Vorhin waren es noch acht. Drei Stunden starre ich nun in die Dunkelheit und fühle mich wie beim Abspann eines Films: unzählige Namen tauchen auf – unzählige Namen jucken mich nicht. Aufstehen und gehen tue ich trotzdem nicht. Augen schließen und schlafen auch nicht. Fünf Stunden… verdammt. Wieso bin ich so wach?! Langsam fühle ich mich echt verarscht. Körper, Hirn, reißt euch mal zusammen! Erst sagt ihr mir, ihr seid ach so müde und kaum lieg ich im Bett, fällt euch ein, dass ihr über was reden wollt? Ganz ehrlich? Nein! Ich habe einfach keine Lust. Auf Herzschmerz, Reflexion, Erinnerungen – auf Deep Talk. Nö. Einfach Nö. Ich will schlafen, ihr Affen! Weg sein. Nur ein paar Stunden. Nichts empfinden. Nichts entscheiden. Nichts verstehen. Schlafen! S-C-H-L-A-F-E-N will ich, nur schlafen. Acht Buchstaben. Acht. Für jeden Buchstaben eine Stunde. Was ist bei euch nur schief gegangen?! Reden wollen sie. Reden… um die Uhrzeit. Echt nicht, Nö. Nö. Einfach Nö! 

verkLEBEN

Lieber Gerd,
Rastlos liege ich seit Wochen jede Nacht wach. Es will mir nicht in den Kopf, wie ich noch auf meinen müden Beinen stehen, funktionieren, produktiv sein kann. Ich warte nur auf diesen einen Moment, wenn meine Muskeln entspannen, meine Beine einknicken und ich wie ein vom Leben ausgespucktes Wollknäuel auf dem Boden der Realität aufpralle. Lange kann es doch nicht dauern. Braucht nicht jeder Körper Ruhe? Ach Gerd. Ich starre in die Dunkelheit. Oft denke ich nichts. Warte nur ab. Worauf, das weiß ich nicht. Vielleicht auf morgen. Auf eine Uhrzeit, zu der es nicht so seltsam ist aufzustehen und den Tag zu beginnen – bzw. fortzusetzen, denn meine Tage werden seit Wochen nicht beendet. Ab und an denke ich an Menschen, die ich aus meiner Erinnerung gestrichen hatte. Wie es scheint mit Bleistift. Ich merke regelrecht, wie die Linien über den Namen wegradiert werden. Es will mir einfach nicht in den Kopf, Gerd, wie so viel Sehnsucht nach Menschen bestehen kann, die meinem Wesen widersprachen, mich verletzten, mich klein machten. Meine Hand liegt flach auf meinem Bauch. Obwohl alles pechschwarz um mich herum ist, sehe ich dein Gesicht in Full HD vor meinem Auge aufflimmern. Ach, spuck mich aus, Leben, wir sind es doch beide müde: du vom Zerkauen und ich vom Zerkaut werden. Kaugummis verlieren nun einmal mit der Zeit ihren Geschmack. Spuck mich aus und lass mich auf dem grauen Asphalt ein paar Steine verkLEBEN.