Unbedacht

Die Sonne, sie muss dir ja so dankbar sein, denke ich, während ich dich beobachte. So viel Wärme und Licht wie du schenkst, kann sie jeden Tag etwas früher Feierabend machen. Ich glaube, denke ich, ich glaube, so getrost konnte sie noch nie ein Nickerchen in ihrem Wolkenbett machen.
Du tastest nach meinem Sonnenhut und setzt ihn mir auf. Schatten fällt auf meinen Kopf. Meine leuchtenden Augen behalten dich im Blick. Bei der Sonne hat niemand Angst, dass sie nur blendet. Irgendwie vertrauen wir ihr. Manchmal leichtsinnig. Unbedacht. Und trotz Sonnenbrand lieben wir sie und geben ihr keine Schuld. Bei dir, denke ich, bei dir war ich von Beginn an skeptisch. Sehr. Und ich muss gestehen, ich habe lange darauf gewartet, dass ich mich verbrenne. Aber im Gegensatz zur Sonne gibst du mir gar nicht erst die Möglichkeit, mich verbrennen zu lassen. Ich taste nach meinem Sonnenhut und nehme ihn nach kurzem Überlegen ab. Ich glaube, denke ich, ich glaube, mit dir kann ich leichtsinnig sein. Unbedacht.
Irgendwie vertraue ich dir.

Dear Teen Me

Dear Teen Me,

I know, life sucks these times and you‘re sitting, waiting, wishing for better days. I know, what makes you happy and keep on going, is picturing yourself in your mid 20s: Independent and having great hair and a perfect body.

Honey, age won‘t change anything. Shifts of dependency will always make you think, you‘re not Independent. And you will always struggle with your body no matter how much weight you‘ll loose, because it is your head that weighs way too much. Your hair will always be anything but straight and it will always be difficult to „totally get“ your curls. „Dear Teen Me“ weiterlesen

Vor lauter Bäumen

Wir machen uns gegenseitig wütend, bringen unsere Nächsten zum Verzweifeln, nerven uns und treiben einander in den Wahnsinn – jeder von uns mit seiner ganz speziellen Art. Wir streiten, schreien oder schweigen uns an. Rollen die Augen, schütteln unsere Köpfe – können das Benehmen des jeweiligen Anderen nicht begreifen. Wir strengen uns gegenseitig an. Laufen von Kompromiss zu Stolz, fühlen uns vor den Kopf gestoßen, machen kein Halt vor Privatssphäre. Wir tadeln uns und zu Zeiten meiden wir gemeinsame Wege – bis dann diese Momente kommen, in denen einer von uns fällt, sich vom Leben vergessen und verletzt fühlt und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Diese Momente, in denen wir das Gefühl haben, zu scheitern, zu versagen, gänzlich alleine zu sein. Diese Momente, in denen wir uns nach einem Blick, einem Wort, einer Bewegung in den Armen grenzenloser Liebe, endloser Geduld und ewiger Geborgenheit wiederfinden – uns daran erinnernd, dass Familie zu den Dingen gehört, die im Dunkeln am Hellsten leuchten; solange, bis wir die Kraft und den Mut haben wieder für uns selbst zu leuchten und durch den dicht bewachsenen, facettenreichen Wald zu gehen. Vielleicht, ja vielleicht erkennen wir sogar in diesen Momenten, dass wir auch so ein Wald sind – ein Wald, den man manchmal vor lauter Bäumen nicht sieht.

Kullern

Er sitzt mir gegenüber. Streicht sich über seine Haare und rollt die Augen. Das tut er oft. Sich durch die Haare streichen und die Augen rollen. Nicht immer gleichzeitig. Auch nicht immer hintereinander. Manchmal nur das eine und ein anderes Mal das andere. Aber gerade tut er beides. Sich durch die Haare streichen und die Augen rollen. Ich lächele. Zumindest jetzt. Manchmal nervt es mich, wenn er das tut. Nicht unbedingt das sich durch die Haare Streichen. Aber das Augen Rollen. Ja, das nervt mich manchmal. Sprich dich doch aus, denke ich dann, schrei’, stöhn kurz auf, schnaube, blubbere verlegen – gib einen Ton von dir, aber roll nicht deine Augen, denke ich dann. Die kullern auch ohne, dass du sie rollst, deine Kulleraugen. Ja, so denke ich manchmal. Aber gerade muss ich lächeln und ich kann gar nicht sagen wieso. Vielleicht, weil er mich manchmal an ein kleines Kind erinnert, das nicht weiß, was es sagen oder tun soll und den Auslöser in aller Überforderung und Verlegenheit banalisiert, die Augen rollt. Ach, ich weiß nicht, wieso, aber ich muss lächeln. Streich dir nur durch deine Haare und bring deine Kulleraugen zum Kullern, denke ich. So beides gleichzeitig, das ist ganz herzallerliebst. Zumindest jetzt. Und jetzt ist gerade und gerade ist alles gut, denke ich und kullere mit.

 

Lass‘ mich wieder taumeln

Sie sieht mich nicht gerne an, wenn ich so aufgebracht bin. Bestürzt, mitleidig und ja, fast schon etwas kopfschüttelnd senkt sie ihren Blick. Sie erträgt mich nicht. Zählt die Sekunden, bis ich wieder ruhig bin. Es ist nicht so, dass ich es nicht mitbekomme. Im Gegenteil. Ich sehe sie nervös mit dem linken Fuß tippeln und vor sich hin brummeln, ich solle doch bitte, bitte, bitte einfach loslassen. Loslassen, sagst du, grummele ich. Wie denn? Bei so viel Ignoranz und Ungerechtigkeit. Es wird sich nie etwas ändern. Ich schlage die Hand auf den Tisch. Jetzt hebt sie den Blick. Und während sie sich umdreht und mich verlässt, höre ich sie noch flüstern: So bestimmt nicht, Saide, so bestimmt nicht. Es sticht, so schlimm, mein Herz und bevor mein Verstand begreifen kann, zittert mein Körper vor Kälte, flehend, sie zurückzurufen. Ich verstehe. Ja, ich verstehe, setze mich an den Tisch, nehme ein Stift, ein Blatt Papier und schreibe ihr:

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